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50 Jahre »Emma« – 50 Jahre Protest und Kontroversen
Kultur · 21.10.2026 13:15

50 Jahre »Emma« – 50 Jahre Protest und Kontroversen

Kurz: Nach fast fünf Jahrzehnten endet eine Ära: Alice Schwarzer stellt ihr feministisches Magazin »Emma« zum Jahresende ein. Ein Rückblick auf fünf Jahrzehnte Debatt

Das Ende einer Ära: Die Einstellung der »Emma«

Am 21. Oktober 2026 erreichte die deutsche Medienlandschaft eine Zäsur, die das Ende einer bedeutenden publizistischen Ära markiert. Alice Schwarzer, die Gründerin und langjährige Herausgeberin des feministischen Magazins »Emma«, verkündete an diesem Tag offiziell die Einstellung der Zeitschrift. Nach einer Geschichte, die sich über knapp fünf Jahrzehnte erstreckte, wird das Blatt seine Arbeit einstellen. Die letzte Ausgabe der »Emma« soll im Dezember 2026 erscheinen. Mit dieser Entscheidung endet ein Kapitel des deutschen Journalismus, das untrennbar mit dem Namen Schwarzer und ihrem unermüdlichen, oft als streitbar wahrgenommenen Einsatz für feministische Anliegen verbunden war. Die Ankündigung erfolgte in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Diskurse über Geschlechterrollen und Gleichberechtigung eine ganz andere Dynamik aufweisen als bei der Gründung des Magazins in den 1970er Jahren. Der Abschied der »Emma« markiert somit nicht nur das Ende eines Printprodukts, sondern auch den Abschluss einer Ära des organisierten publizistischen Feminismus in Deutschland, der über Jahrzehnte hinweg die öffentliche Debatte maßgeblich mitgeprägt und polarisiert hat.

Die Anfänge und der publizistische Erfolg

Die Geschichte der »Emma« begann im Februar 1977. Mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren wagte Alice Schwarzer den Schritt, ein feministisches Publikumsmagazin auf den Markt zu bringen. Das Konzept erwies sich als derart erfolgreich, dass die Redaktion bereits kurz nach dem Erscheinen gezwungen war, weitere 100.000 Exemplare nachzudrucken. Das erste Cover zeigte die Herausgeberin Arm in Arm mit der Schauspielerin Romy Schneider, ein Bild, das den Ton für die kommenden Jahre setzte. Neben dem Porträt der Schauspielerin enthielt die erste Ausgabe bereits den Aufsatz von Schwarzer über das Thema »Männerjustiz«, ein Sujet, das die inhaltliche Ausrichtung des Magazins über die Jahrzehnte prägen sollte. Die »Emma« verstand sich von Beginn an nicht als bloße Frauenzeitschrift im klassischen Sinne, sondern als politisches Instrument, das gesellschaftliche Missstände aus einer explizit feministischen Perspektive beleuchten wollte. Der Erfolg der ersten Ausgabe war ein deutliches Signal für das wachsende Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen in der Bundesrepublik.

Ein Leben im Kampf gegen Sexismus und für Frauenrechte

Die Historie des Magazins ist eng mit den persönlichen und politischen Kämpfen seiner Gründerin verknüpft. Bereits im Juli 1978 trat Alice Schwarzer gemeinsam mit der Schauspielerin Inge Meysel vor dem Hamburger Landgericht auf. Sie klagten gegen das Magazin »Stern«, dem sie vorwarfen, Frauen auf seinen Titelseiten als bloße Sex-Objekte darzustellen. Obwohl das Gericht die Klage abwies, erreichte Schwarzer ihr eigentliches Ziel: Sie entfachte eine breite, öffentliche Diskussion über Sexismus in der Presse. Ein weiteres zentrales Feld ihres Engagements war der Kampf für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218. Auf dem Katholikentag 1986 demonstrierte sie unermüdlich für dieses Anliegen. Im Jahr 1987 initiierte die »Emma« zudem die vielbeachtete »PorNO«-Kampagne. Die Redaktion argumentierte, dass Pornografie die Menschenwürde verletze, da sie sexuelle Lust mit Erniedrigung und Gewalt verknüpfe. Diese Position löste innerhalb der feministischen Bewegung heftige Debatten aus, die bis heute anhalten: Ist eine solche Kritik ein notwendiger Kampf gegen sexualisierte Herrschaft oder eine unzulässige, prüde Bevormundung?

Interne Konflikte und externe Herausforderungen

Die Geschichte der »Emma« war keineswegs frei von internen und externen Anfeindungen. Ein besonders drastisches Ereignis ereignete sich im Mai 1994, als maskierte Frauen in die Redaktionsräume eindrangen und diese verwüsteten. Die Täterinnen, die sich als »FRAUEN LESBEN GRUPPEN AUS KÖLN + ANDERSWO« bezeichneten, warfen dem Magazin Rassismus, Euthanasiebefürwortung und Holocaustrelativierung vor. Die Tat hinterließ die Redaktion schockiert; eine Layouterin äußerte sich entgeistert über die Tatsache, dass die Angreiferinnen optisch kaum von der eigenen Klientel zu unterscheiden waren. Auch in den 2000er und 2010er Jahren blieb die »Emma« ein Ort der Kontroverse. Während Schwarzer die politische Karriere von Angela Merkel seit deren Zeit als Familienministerin 1991 begleitete, sorgte sie 2010 im Kachelmann-Prozess für Aufsehen. Ihre Berichterstattung über den Wettermoderator Jörg Kachelmann polarisierte stark. Eine spätere Glosse in der »Emma«, in der sie Kachelmann nach dessen Freispruch implizit als »Vergewaltiger« bezeichnete, wurde gerichtlich untersagt. Auch in jüngerer Zeit blieb das Magazin im Zentrum von Debatten, etwa durch das von Schwarzer unterstützte »Manifest für den Frieden«, das sich gegen schwere Waffenlieferungen an die Ukraine aussprach.

Einordnung der publizistischen Bedeutung

Einzuordnen ist die Bedeutung der »Emma« als ein Phänomen, das die deutsche Medienlandschaft nachhaltig verändert hat. Den Berichten zufolge fungierte das Magazin über 50 Jahre hinweg als ein ständiger Störfaktor im gesellschaftlichen Konsens. Alice Schwarzer gelang es, Themen in den öffentlichen Diskurs zu bringen, die zuvor weitgehend ignoriert oder tabuisiert wurden. Dabei nahm sie in Kauf, dass ihre Positionen nicht nur von konservativer Seite, sondern auch innerhalb des Feminismus auf scharfe Kritik stießen. Die »Emma« war stets ein Spiegel der internen Zerwürfnisse der Frauenbewegung. Die Bewertung der Arbeit von Schwarzer fällt dabei sehr unterschiedlich aus: Während Anhängerinnen ihr eine Pionierrolle bei der Durchsetzung von Frauenrechten zuschreiben, werfen Kritiker ihr eine verengte Sichtweise oder eine zu starke Personalisierung der Debatten vor. Unbestritten bleibt jedoch, dass das Magazin eine Plattform bot, auf der über Jahrzehnte hinweg die Grundlagen für das heutige Verständnis von Gleichberechtigung in Deutschland verhandelt wurden.

Offene Fragen und der Weg in die Zukunft

Trotz der ausführlichen Dokumentation der »Emma«-Geschichte bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, welche wirtschaftlichen Faktoren konkret zur Einstellung des Magazins geführt haben, etwa ob sinkende Abo-Zahlen oder veränderte Lesegewohnheiten den Ausschlag gaben. Auch bleibt offen, ob das Archiv der »Emma« in eine öffentliche Stiftung überführt wird oder wie die Marke nach der Einstellung der Printausgabe weiterbestehen könnte. Was die Zukunft betrifft, so ist der Zeitplan klar definiert: Die letzte Ausgabe wird im Dezember 2026 erscheinen. Damit endet die aktive publizistische Tätigkeit des Magazins. Ob Alice Schwarzer nach der Einstellung der »Emma« ihre öffentliche Rolle als Kommentatorin und Aktivistin in anderer Form fortsetzen wird, lässt der Bericht offen. Fest steht lediglich, dass mit dem Ende des Jahres 2026 eine der langlebigsten und streitbarsten Publikationen der deutschen Pressegeschichte ihre Arbeit einstellt und die Redaktion nach fast fünf Jahrzehnten ihre Türen schließt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/urbane-kunstinstallation-im-freien-auf-dem-stadtplatz-29106938/ · Foto: Pham Ngoc Anh
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/50-jahre-emma-50-jahre-protest-und-kontroversen-a-71e29dad-ee96-4c54-8377-4acdf2fecde5#ref=rss