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Über Papageien: Diese Vögel kommen auch im „Kamasutra“ vor
Kultur · 17.10.2026 18:00

Über Papageien: Diese Vögel kommen auch im „Kamasutra“ vor

Kurz: Christine Wunnicke widmet sich in ihrem neuen Buch der faszinierenden Welt der Papageien. Ein Porträt zwischen Kulturgeschichte, Naturkunde und kleinen Fehlern.

Was geschehen ist: Ein literarischer Blick auf die Welt der Papageien

Die renommierte Schriftstellerin, Übersetzerin und Hörspielautorin Christine Wunnicke hat ein neues Werk vorgelegt, das sich einem ebenso farbenfrohen wie komplexen Thema widmet: den Papageien. In ihrem Buch mit dem schlichten Titel „Papageien – Ein Portrait“, das im Verlag Matthes & Seitz erschienen ist, unternimmt die Autorin den Versuch, die Intelligenz, die ästhetische Schönheit und die schier allgegenwärtige historische Präsenz dieser Vögel einzufangen. Die Publikation, die einen Umfang von 160 Seiten umfasst, beleuchtet die Tiere aus einer Vielzahl von Perspektiven, die von der Stammesgeschichte bis hin zur tief verwurzelten Kulturgeschichte reichen. Dabei erweist sich das Unterfangen als ein äußerst anspruchsvolles, da die Ordnung der Papageien mit ihren rund 400 Arten, unterteilt in vier Familien – Kakadus, Eigentliche Papageien, Altweltpapageien und Strigopidae – eine enorme Vielfalt aufweist. Wunnicke wählt für ihren Einstieg eine moderne und fast schon popkulturelle Herangehensweise, indem sie den neuseeländischen Kakapo in den Mittelpunkt rückt. Dieser Vogel, der durch seine flugunfähige, drollige Art und seine Präsenz in den sozialen Medien besticht, dient als Ausgangspunkt für eine umfassende Erzählung, die den Leser durch Jahrtausende menschlicher Geschichte und ökologischer Veränderungen führt. Das Buch ist somit nicht nur eine naturkundliche Abhandlung, sondern ein essayistisches Porträt, das versucht, das Wesen dieser Tiere in den Kontext menschlicher Zivilisation zu stellen.

Die Einzelheiten: Von der Antike bis zur digitalen Moderne

Die inhaltliche Bandbreite des Buches ist bemerkenswert und zeugt von einer intensiven Recherchearbeit. Christine Wunnicke spannt einen weiten Bogen, der weit in die Vergangenheit zurückreicht. So erfahren die Leser, wie Sittiche bereits in der römischen Kaiserzeit gehalten wurden, und erhalten Einblicke in das „Kamasutra“, welches explizite Anweisungen dazu enthält, wie man Papageien das Sprechen beibringen kann. Auch die spirituelle Dimension wird nicht ausgespart: Im dreizehnten Jahrhundert sollen diese Vögel in Persien den Sufi-Meister Dschalal ad-Din ar-Rumi betört haben. Die Liste der historischen und kulturellen Berührungspunkte ist lang und reicht von Byzanz über das alte Ägypten und das europäische Mittelalter bis hin zu den Azteken und Mayas. Auch die Kunstgeschichte findet ihren Platz, etwa durch Erwähnungen von Jan van Eyck und Hans Baldung Grien. In der Populärkultur begegnen uns Namen wie Humphrey Bogart und Katharine Hepburn, während auch das Theaterleben durch Persönlichkeiten wie Gert Voss und Claus Peymann mit der Welt der Papageien verknüpft wird. Ein besonders kurioser Aspekt ist die moderne Beobachtung, dass Papageien in Gefangenschaft während der Corona-Pandemie durch Videoanrufe ihre Stimmung verbessern konnten, nachdem sie eine entsprechende Medienkompetenz erworben hatten.

Hintergrund: Vom Lebensraum zur Bedrohung durch den Menschen

Der Hintergrund der Papageien-Existenz ist eng mit der menschlichen Einflussnahme verknüpft, die oft verheerende Folgen hatte. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Kakapo, dessen Name aus der Sprache der Maori stammt und „Papagei der Nacht“ bedeutet. Während die Maori den Vogel bereits jagten, verschlechterte sich die Situation für den moosgrünen, flugunfähigen Vogel drastisch mit der Ankunft europäischer Siedler, Walfänger und Missionare. Ein fatales Ereignis in der Geschichte Neuseelands war der Import von Kaninchen und Hasen in den 1830er-Jahren, gefolgt von der verhängnisvollen Entscheidung in den 1880er-Jahren, Hermeline, Wiesel und Frettchen zur Dezimierung der Nagetierpopulation einzuführen. Diese Maßnahmen verwandelten den Lebensraum des Kakapo in einen lebensgefährlichen Spießrutenlauf. Heute bemühen sich Forscher intensiv um die Erhaltung der Art. Die jüngsten Zahlen sind vorsichtig optimistisch: Erstmals seit 75 Jahren gibt es wieder mehr als 300 Kakapos in freier Wildbahn. Dennoch bleibt die Situation prekär, da etwa 25 bis 30 Prozent aller Papageienarten weltweit vom Aussterben bedroht sind, was Wunnicke zu der bitteren Feststellung veranlasst, dass die Geschichte der Papageien in menschlicher Obhut eine Geschichte der Grausamkeit sei.

Die Beteiligten: Akteure in der Welt der Papageien

Die Akteure in diesem Porträt sind vielfältig und umfassen sowohl die Vögel selbst als auch die Menschen, die sie erforschen, halten oder in der Literatur verewigen. Christine Wunnicke fungiert hierbei als Vermittlerin, die als Autorin und Übersetzerin eine Brücke zwischen naturwissenschaftlichen Fakten und kulturellen Erzählungen schlägt. Die Jury des Georg-Büchner-Preises, der Wunnicke Ende Oktober verliehen wird, lobt ihre Fähigkeit, im vermeintlich Historischen das Fiktionale sichtbar zu machen. Auf der Seite der Wissenschaft stehen Forscher, die sich mit dem Bestandsschutz des Kakapo beschäftigen und durch ihre Arbeit dazu beitragen, den Vögeln eine Zukunft zu sichern. Zudem finden sich historische Persönlichkeiten wie Dschalal ad-Din ar-Rumi oder Künstler wie Jan van Eyck, die in der kulturellen Rezeption eine Rolle spielen. Auch die Papageien selbst werden als handelnde Subjekte dargestellt, etwa wenn es um ihr Sozialverhalten geht oder um die erstaunliche Fähigkeit, in einer digitalen Umgebung wie einem Zoom-Call zu interagieren. Die Interaktion zwischen Mensch und Papagei zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk und zeigt, wie tief die Vögel in die menschliche Lebenswelt eingedrungen sind.

Einordnung: Wissenschaftlicher Anspruch und literarische Freiheit

Einzuordnen ist das Buch als ein literarisch ambitioniertes Porträt, das jedoch in seinem wissenschaftlichen Anspruch nicht durchgehend überzeugt. Den Berichten zufolge gelingt es Wunnicke zwar, eine elegante und lesenswerte Übersicht zu bieten, doch stößt sie bei der Vermittlung naturkundlicher Fakten an Grenzen. Ein Beispiel hierfür ist die Verallgemeinerung zur Entstehung der Gefiederfarben: Während Wunnicke die Brechung des Lichts an Mikrostrukturen anführt, ist dies nicht auf alle Arten übertragbar, da bei Vögeln wie dem Guineaturako Pigmente wie Turacoverdin für die grüne Farbe verantwortlich sind. Auch die Behauptung, jeder Mensch in Indien habe früher einen Papagei gehalten, erscheint als eine unzulässige Pauschalisierung. Kritisch zu betrachten ist zudem die Behandlung von Legenden. Während Wunnicke die Berichte über Keas, die Schafen das Rückenfell aufreißen, als Legende abtut, existieren wissenschaftliche Publikationen wie der Artikel im „New Zealand Veterinary Journal“, die Angriffe auf Schafe auf hochgelegenen Farmen dokumentieren. Solche Diskrepanzen zwischen literarischer Erzählung und wissenschaftlicher Evidenz schmälern den Wert der naturkundlichen Abhandlung, auch wenn die sprachliche Qualität des Werkes unbestritten bleibt.

Offene Fragen: Lücken in der Darstellung

Der Quelltext offenbart einige konkrete Lücken in der Argumentation und Recherche, die das Buch hinterlässt. Eine dieser Lücken betrifft die zoologische Präzision: Wenn die Autorin von einem Laufsittich berichtet, der Sturmschwalben tötet, und im nächsten Satz plötzlich von Sturmtauben spricht, bleibt unklar, welche Spezies tatsächlich gemeint ist. Der Begriff „Sturmtaube“ ist in diesem Kontext nicht eindeutig definiert, und es bleibt offen, ob der Taubensturmvogel gemeint sein könnte. Eine weitere Unklarheit besteht in der taxonomischen Einordnung der Keas. Wunnicke bezeichnet sie als Nestorpapageien aus der Gattung der Strigopidae, während fachlich korrekt Strigopidae die Familienbezeichnung ist. Auch bei der Frage nach der Intelligenz der Vögel bleibt eine Lücke: Die Autorin behauptet, Keas seien die einzigen Papageien, die den Spiegeltest bestehen. Hierbei ignoriert sie jedoch den in der Fachzeitschrift „Behaviour“ im Jahr 2019 erschienenen Beitrag, der explizit feststellt, dass es keine Beweise für eine Selbsterkennung im Spiegel bei Keas und Goffin-Kakadus gibt. Diese Widersprüche zwischen dem Buchinhalt und dem aktuellen Forschungsstand lassen wesentliche Fragen zur Sorgfalt der Recherche offen.

Wie es weitergeht: Ausblick und Bedeutung

Die Auszeichnung von Christine Wunnicke mit dem Georg-Büchner-Preis Ende Oktober markiert einen wichtigen Meilenstein in ihrer Karriere und dürfte die Aufmerksamkeit für ihr Werk weiter erhöhen. Während das Buch „Papageien – Ein Portrait“ trotz der genannten fachlichen Mängel als literarisch wertvolles Dokument der Kulturgeschichte bestehen bleibt, stellt sich die Frage nach der zukünftigen Wahrnehmung solcher naturkundlichen Porträts. Die Diskussion um die Korrektheit wissenschaftlicher Details in belletristischen Werken wird durch Wunnickes Buch neu befeuert. Für die Forschung bleibt derweil die Aufgabe bestehen, den Bestand der bedrohten Papageienarten, insbesondere des Kakapo, weiter zu sichern und die ökologischen Rahmenbedingungen zu verbessern. Die Debatte um die Haltung von Papageien in menschlicher Obhut, die Wunnicke als „Geschichte der Grausamkeit“ bezeichnet, wird ebenfalls weitergeführt werden müssen. Es bleibt abzuwarten, ob zukünftige Auflagen des Buches die genannten Fehler korrigieren, um den hohen literarischen Anspruch auch mit einer soliden wissenschaftlichen Basis zu untermauern. Die Lektüre bleibt somit ein zweischneidiges Schwert: Ein Genuss für den Geist, aber eine Herausforderung für den naturwissenschaftlich interessierten Leser.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/historische-neugotische-architektur-in-wittenburg-34974923/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/frankfurter-buchmesse-2026-christine-wunnickes-papageien-201242960.html