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Reisen in die Boom-Region: Merz und Steinmeier gleichzeitig in Asien
Schlagzeilen · 26.10.2026 04:31

Reisen in die Boom-Region: Merz und Steinmeier gleichzeitig in Asien

Kurz: Bundeskanzler Merz reist nach Singapur, Japan und Südkorea, während Bundespräsident Steinmeier China besucht. Ziel ist die strategische Neuausrichtung.

Eine diplomatische Doppelstrategie im Indopazifik

In einer bemerkenswerten diplomatischen Konstellation reisen Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeitgleich in den asiatischen Raum. Während der Kanzler eine fünftägige Reise durch Singapur, Japan und Südkorea antritt, führt der Weg des Bundespräsidenten direkt in die Volksrepublik China. Diese räumliche Trennung der beiden höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland spiegelt eine bewusste Aufgabenteilung wider, die den komplexen Herausforderungen der aktuellen globalen Außen- und Wirtschaftspolitik gerecht werden soll. Der Kanzler verfolgt dabei das erklärte Ziel, die wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands von China durch den Ausbau neuer Partnerschaften in der Indopazifik-Region gezielt zu reduzieren. Diese Reise, die Mitte Oktober bereits in einer Regierungserklärung im Bundestag angekündigt wurde, markiert einen Wendepunkt in der deutschen Strategie. Es geht um nicht weniger als die Sicherung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit in einer Region, die wirtschaftlich, technologisch und geopolitisch zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die zeitgleiche Präsenz beider Staatsspitzen in Asien unterstreicht die Dringlichkeit, mit der Berlin auf die veränderten Rahmenbedingungen im Welthandel reagiert und gleichzeitig den diplomatischen Gesprächsfaden mit Peking nicht abreißen lassen will.

Die Details der Reiseziele und die wirtschaftliche Agenda

Die Reiseroute von Friedrich Merz umfasst mit Singapur, Japan und Südkorea drei der wichtigsten Industriepartner Deutschlands in Asien. Japan nimmt dabei als zweitwichtigster Handelspartner in der Region eine Schlüsselrolle ein, gefolgt von Südkorea. Singapur fungiert als zentraler Knotenpunkt für den gesamten südostasiatischen Raum. Die Agenda des Kanzlers ist eng getaktet und konzentriert sich auf die Themen De-risking, Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und den Austausch über technologische Innovationen. Begleitet wird Merz von einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation, die Vertreter aus den Bereichen Industrie, Technologie, Verteidigung und Energie umfasst. Auch wenn die konkreten Namen der Delegationsteilnehmer vor dem Abflug nicht publiziert wurden, ist die Zusammensetzung ein deutliches Signal an die Märkte. Der Höhepunkt der Reise findet in Seoul statt: Dort eröffnet der Kanzler am Donnerstag die „Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft“. Diese Veranstaltung, die vom 29. bis 31. Oktober dauert, bringt etwa 1.000 Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Geleitet wird die Konferenz von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Siemens-Chef Roland Busch, was die enge Verzahnung von staatlichem Handeln und industriellen Interessen unterstreicht.

Hintergrund der diplomatischen Neuausrichtung

Die aktuelle Reiseaktivität ist das Ergebnis einer längeren Phase der Reflexion über Deutschlands Abhängigkeit von der Volksrepublik China. Lange Zeit galt China als unersetzlicher Industriepartner, doch geopolitische Spannungen und ein zunehmend unfairer Wettbewerb haben zu einem Umdenken geführt. Die Bundesregierung unter Kanzler Merz sieht sich mit einer Exportoffensive Pekings konfrontiert, die durch staatliche Subventionen, Überkapazitäten und eine künstlich niedrig gehaltene Währung geprägt ist. Diese Faktoren schaden der deutschen Wirtschaft massiv und führen zu einer gefährlichen Schieflage. Der Kanzler hat in seiner Regierungserklärung unmissverständlich klargestellt, dass Deutschland nicht länger tatenlos zusehen werde. Die EU-Kommission plant bereits neue Handelsschutzinstrumente, um auf diese Herausforderungen angemessen zu reagieren. Die Reise nach Asien ist somit auch eine Antwort auf den sogenannten „China-Schock 2.0“. Es geht darum, das Risiko zu streuen und die einseitige Fixierung auf den chinesischen Markt aufzubrechen, um die Resilienz der deutschen Schlüsselindustrien langfristig zu sichern und die Abhängigkeiten von einem einzigen Akteur zu verringern.

Die Akteure und ihre Rollen im diplomatischen Gefüge

Die Akteure in diesem Prozess sind klar definiert. Bundeskanzler Friedrich Merz positioniert sich als „Außenkanzler“, der Wirtschaftspolitik und Außenpolitik als untrennbare Einheit betrachtet. Er sucht den direkten Austausch mit den Regierungschefs in Singapur, Japan und Südkorea, um politische Allianzen zu festigen. Auf der anderen Seite agiert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in China. Sein Besuch ist von der Absicht geleitet, über die problematischen Wirtschaftsbeziehungen zu sprechen und Wege zu finden, Handelskonflikte zu entschärfen. Ein zentraler Punkt seines Besuchs ist das geplante Treffen mit Staats- und Parteichef Xi Jinping am Freitag. Hierbei wird es nicht nur um ökonomische Fragen gehen, sondern auch um die globale Sicherheitslage, insbesondere den Ukraine-Krieg. Steinmeier soll darauf hinwirken, dass China seinen Einfluss auf Russland geltend macht, um den Konflikt zu beenden. Unterstützt werden diese Bemühungen durch Institutionen wie den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), dessen Vertreter Wolfgang Niedermark die gleichzeitige Präsenz von Merz und Steinmeier in Asien ausdrücklich begrüßt, da sie unterschiedliche, aber komplementäre diplomatische Kanäle bedient.

Einordnung der aktuellen Entwicklungen

Einzuordnen ist das Geschehen als eine konzertierte Aktion, um den deutschen Einfluss im Indopazifik zu sichern. Den Berichten zufolge ist die deutsche Chinapolitik in einer Phase der Neujustierung. Die Sorge vor unfairen Wettbewerbsbedingungen hat in Berlin und Brüssel ein Ausmaß erreicht, das entschlossenes Handeln erfordert. Die Strategie des „De-risking“ ist hierbei das zentrale Schlagwort. Es bedeutet keineswegs den Abbruch der Beziehungen, sondern eine bewusste Diversifizierung der Lieferketten und Absatzmärkte. Die gleichzeitige Reise von Merz und Steinmeier verdeutlicht, dass Deutschland versucht, den Spagat zwischen notwendiger Härte gegenüber Pekings Handelspraktiken und der Aufrechterhaltung des diplomatischen Dialogs zu meistern. Während Merz die wirtschaftliche Stärke Deutschlands durch neue Partnerschaften absichert, nutzt Steinmeier die diplomatische Bühne, um auf eine friedlichere internationale Ordnung hinzuwirken. Es ist ein Versuch, die wirtschaftliche Souveränität zu wahren, ohne sich in eine vollständige Isolation von den globalen Märkten zu begeben, wobei die Stärkung des Indopazifik-Raums als strategisches Gegengewicht fungiert.

Offene Fragen und verbleibende Unbekannte

Trotz der klaren Zielsetzung der Reisen bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, wie konkret die „angemessenen Reaktionen“ auf die chinesischen Handelspraktiken aussehen werden, die der Kanzler angekündigt hat. Es bleibt unklar, welche spezifischen Zusagen oder Vereinbarungen Merz in den Gesprächen mit den Regierungschefs in Singapur, Japan und Südkorea tatsächlich erzielen kann. Auch der Ausgang der Gespräche von Bundespräsident Steinmeier in Peking ist mit Unsicherheiten behaftet; ob China tatsächlich bereit ist, seinen Einfluss auf Russland im Sinne der deutschen Erwartungen zu nutzen, bleibt spekulativ. Zudem gibt es keine Details dazu, wie die deutsche Industrie die Kosten einer schnellen Diversifizierung der Lieferketten tragen soll. Ebenso wenig ist bekannt, welche konkreten Gegenleistungen die asiatischen Partner für eine vertiefte Kooperation mit Deutschland erwarten. Die Lücken in der Berichterstattung betreffen vor allem die internen Details der Verhandlungen, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, sowie die genauen Zeitpläne für die Umsetzung der angekündigten handelspolitischen Maßnahmen.

Der Weg nach vorne und kommende Termine

Wie es weitergeht, ist durch den Zeitplan der nächsten Tage vorgegeben. Der Fokus liegt zunächst auf der „Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft“ in Seoul, die als Plattform für die Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen dient. Die Eröffnung durch den Kanzler am Donnerstag bildet den Auftakt für intensive Gespräche mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Parallel dazu wird der Ausgang des Treffens zwischen Steinmeier und Xi Jinping am Freitag mit Spannung erwartet, da dies die Richtung für den weiteren diplomatischen Austausch mit China vorgeben könnte. Die Bundesregierung wird nach Abschluss dieser Reisen die Ergebnisse bewerten und entscheiden, inwieweit die neuen Partnerschaften im Indopazifik die erhoffte Entlastung bringen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die angekündigten Handelsschutzinstrumente der EU tatsächlich in Kraft treten und wie China auf diese Maßnahmen reagiert. Es steht eine Phase an, in der die theoretischen Ansätze der neuen Chinapolitik in die praktische Anwendung überführt werden müssen, wobei die diplomatischen Kanäle in Asien weiterhin eine zentrale Rolle spielen werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/basteibrucke-im-herbst-sachsen-deutschland-29218415/ · Foto: Dimitri
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/asien-reise-merz-steinmeier-100.html