News aus aller Welt
Start
Holocaust und Kolonialverbrechen: Neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Kultur · 18.10.2026 06:32

Holocaust und Kolonialverbrechen: Neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Kurz: Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmet sich in einer neuen Ausstellung der komplexen Verbindung von Holocaust und Kolonialverbrechen.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin hat eine neue Ausstellung eröffnet, die sich einem der anspruchsvollsten und kontroversesten Themen der deutschen Geschichtsaufarbeitung widmet: der Verbindung zwischen dem Holocaust und den Verbrechen im Kontext des deutschen Kolonialismus. Die Schau stellt sich der Herausforderung, zwei historische Komplexe, die lange Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung und in der wissenschaftlichen Debatte oft getrennt voneinander betrachtet wurden, in einen gemeinsamen analytischen Rahmen zu stellen. Dabei geht es nicht um eine einfache Gleichsetzung, sondern um die Untersuchung struktureller, ideologischer und personeller Kontinuitäten sowie der spezifischen Unterschiede, die beide Phänomene prägten. Die Ausstellung im Zeughaus Unter den Linden versteht sich als Beitrag zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, die über die klassische Perspektive auf den Nationalsozialismus hinausgeht und den Blick auf die globalen Dimensionen deutscher Gewaltgeschichte weitet. Die Eröffnung markiert einen wichtigen Meilenstein in der musealen Vermittlung dieser komplexen Themenkomplexe, die zunehmend in den Fokus der akademischen Forschung gerückt sind.

Die Einzelheiten der Ausstellung

Die Präsentation im Deutschen Historischen Museum umfasst eine Vielzahl von Exponaten, Dokumenten und medialen Aufbereitungen, die die Verbindungslinien zwischen der kolonialen Ära und dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie dem Holocaust verdeutlichen. Die Ausstellung thematisiert dabei explizit die Rolle von Ideologien wie dem Rassismus, die bereits in der kolonialen Verwaltung und der Unterdrückung in den deutschen Schutzgebieten in Afrika und anderen Regionen eine zentrale Rolle spielten. Es wird aufgezeigt, wie diese Denkmuster in die nationalsozialistische Weltanschauung einflossen. Namen und Orte, die mit den kolonialen Verbrechen verbunden sind, werden ebenso thematisiert wie die Orte des Holocaust. Die Ausstellung legt Wert darauf, die historische Spezifik der jeweiligen Verbrechen zu wahren, während sie gleichzeitig die strukturellen Ähnlichkeiten, etwa bei der Entmenschlichung der Opfer oder der bürokratischen Organisation von Gewalt, herausarbeitet. Die Kuratoren haben dabei auf eine Vielzahl von Quellen zurückgegriffen, um die Kontinuitäten in der deutschen Gewaltgeschichte sichtbar zu machen, ohne dabei in eine unzulässige Vereinfachung zu verfallen.

Hintergrund der Debatte

Die Auseinandersetzung über die Verbindung von Holocaust und Kolonialverbrechen ist in Deutschland seit Jahren Gegenstand intensiver Debatten. Lange Zeit dominierte das Paradigma der Einzigartigkeit des Holocaust, das eine vergleichende Betrachtung mit anderen Verbrechen, insbesondere solchen aus der Kolonialzeit, oft erschwerte oder gar als Relativierung missverstand. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch eine wissenschaftliche Strömung etabliert, die argumentiert, dass ein tieferes Verständnis des Nationalsozialismus nur möglich ist, wenn man die kolonialen Vorläufer und die damit verbundenen rassistischen Ideologien in die Analyse einbezieht. Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum greift diesen Diskurs auf und übersetzt ihn in eine für ein breites Publikum zugängliche Form. Dabei stützt sie sich auf die Erkenntnisse der sogenannten Postcolonial Studies und der Holocaust-Forschung, die in den letzten Jahren eine stärkere Annäherung erfahren haben. Die Ausstellung fungiert hierbei als ein Ort der Vermittlung, der die akademischen Debatten in den öffentlichen Raum trägt und zur kritischen Reflexion einlädt.

Die Beteiligten und Institutionen

Das Deutsche Historische Museum als Institution zeichnet für die Konzeption und Umsetzung dieser Ausstellung verantwortlich. Die Kuratoren und Historiker, die an der Erarbeitung mitgewirkt haben, stehen in einem engen Austausch mit der internationalen Forschungslandschaft. Betroffen von der Thematik sind nicht nur die Nachfahren der Opfer des Holocaust, sondern auch die Communities, die die Auswirkungen des deutschen Kolonialismus bis heute in ihren Herkunftsgesellschaften spüren. Die Ausstellung sucht das Gespräch mit diesen Gruppen und bindet unterschiedliche Perspektiven ein, um eine multiperspektivische Darstellung zu gewährleisten. Institutionell ist das Projekt eingebettet in die Bemühungen des Hauses, die deutsche Geschichte in einem europäischen und globalen Kontext zu verorten. Die Ausstellung dient somit als Plattform für einen Dialog, der über die Grenzen Deutschlands hinausreicht und die internationale Relevanz der deutschen Erinnerungskultur unterstreicht. Die Beteiligten betonen dabei stets die Notwendigkeit einer sensiblen und fundierten Aufarbeitung, die den unterschiedlichen historischen Erfahrungen gerecht wird.

Einordnung der Thematik

Einzuordnen ist diese Ausstellung als ein Versuch, die deutsche Erinnerungskultur zu erweitern und zu modernisieren. Den Berichten zufolge stellt die Schau eine Antwort auf die wachsende Kritik dar, dass die deutsche Aufarbeitung der Vergangenheit zu stark auf den Nationalsozialismus fokussiert sei und andere Aspekte, wie den Kolonialismus, vernachlässige. Die Ausstellung vermeidet dabei eine einfache Hierarchisierung des Leids. Stattdessen wird der Fokus auf die Mechanismen der Gewalt und die ideologischen Grundlagen gelegt, die es ermöglichten, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu verfolgen, zu versklaven oder zu ermorden. Einzuordnen ist das Vorhaben zudem in einen breiteren europäischen Kontext, in dem sich viele ehemalige Kolonialmächte derzeit mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Die Ausstellung leistet somit einen Beitrag zur europäischen Debatte über die Aufarbeitung imperialer und totalitärer Gewaltverbrechen. Sie fordert die Besucher dazu auf, die eigenen Vorstellungen von Geschichte und Identität zu hinterfragen und sich den unbequemen Aspekten der deutschen Vergangenheit zu stellen.

Offene Fragen und Lücken

Obwohl die Ausstellung einen umfassenden Überblick bietet, bleiben einige Fragen naturgemäß offen. So wird in der Schau nicht abschließend geklärt, wie die gesellschaftliche Debatte über die "Einzigartigkeit" des Holocaust und die "Vergleichbarkeit" von Verbrechen in Zukunft geführt werden soll. Auch die Frage nach der konkreten politischen Konsequenz, etwa in Bezug auf Restitutionsforderungen oder Entschädigungsdebatten, die im Kontext kolonialer Verbrechen immer wieder laut werden, wird durch die Ausstellung nicht gelöst. Es bleibt offen, wie die breite Öffentlichkeit auf die neue Perspektivierung reagieren wird und ob es gelingen kann, die unterschiedlichen Erinnerungsgruppen in einen konstruktiven Dialog zu bringen. Zudem lässt die Ausstellung Raum für weitere Forschungen, insbesondere im Hinblick auf die individuellen Biografien von Tätern, die sowohl in kolonialen Kontexten als auch im Nationalsozialismus aktiv waren. Diese Lücken sind jedoch kaum als Versäumnis der Ausstellung zu werten, sondern spiegeln den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte wider, die sich noch in einem dynamischen Prozess befindet.

Wie es weitergeht

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist als langfristiges Projekt angelegt, das durch ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt wird. Geplant sind Diskussionsveranstaltungen, Vorträge und Workshops, in denen die in der Ausstellung aufgeworfenen Fragen vertieft werden sollen. Das Museum plant zudem, die gewonnenen Erkenntnisse in die zukünftige Gestaltung der Dauerausstellung einfließen zu lassen. Es ist davon auszugehen, dass die Ausstellung auch über Berlin hinaus eine Debatte anstoßen wird, die das Verständnis der deutschen Geschichte nachhaltig prägen könnte. Die Verantwortlichen haben bereits angekündigt, das Feedback der Besucher und der Fachwelt in die weitere Planung einzubeziehen. Die Ausstellung markiert somit keinen Endpunkt der Auseinandersetzung, sondern einen Ausgangspunkt für eine kontinuierliche Arbeit an der deutschen Erinnerungskultur. Weitere Termine für begleitende Symposien und öffentliche Führungen werden in den kommenden Monaten bekannt gegeben, um den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft weiter zu fördern.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/berlin-schoneweide-bahnhof-backstein-architektur-38894704/ · Foto: Felipe Souza Melo
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/holocaust-und-kolonialverbrechen-neue-ausstellung-im-deutschen-historischen-museum-in-berlin-a-a8e25c3c-8918-4f06-985e-45da1eb72cfc#ref=rss