Was geschehen ist – die Kernmeldung
Die Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg präsentiert derzeit eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Prozessen des Wiederaufbaus und der Zerstörung. Unter dem Titel „Metaxy. Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau“ widmet sich die Schau einer globalen Bestandsaufnahme von Orten, die durch Kriege oder Katastrophen gezeichnet wurden. Dabei wird die zentrale These vertreten, dass es keine sogenannte „Stunde null“ gibt. Vielmehr existieren historische Schichten stets nebeneinander, auch wenn sie durch moderne Architektur oder städtebauliche Maßnahmen überdeckt werden sollen. Die Ausstellung, die noch bis zum 6. Dezember läuft, spannt einen weiten Bogen von der deutschen Nachkriegsgeschichte im Berliner Hansaviertel bis hin zu aktuellen Krisenherden wie der Ukraine, dem Jemen, Bangladesch und Gaza. Die Kuratoren um den Akademie-Vizepräsidenten Anh-Linh Ngo haben dabei einen Ansatz gewählt, der die materielle, juristische und mentale Ebene des Wiederaufbaus gleichermaßen beleuchtet. Besucher werden eingeladen, die oft verdrängten Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart zu entdecken und zu hinterfragen, wie Gesellschaften nach der totalen Zerstörung wieder anfangen, ohne dabei die erlittenen Brüche einfach auszublenden oder eine naive Illusion von Kontinuität zu konstruieren.
Die Einzelheiten der Ausstellung
Die Ausstellung ist in drei thematische Säulen gegliedert: „Häuser“, „Boden“ und „Zeiten“. Den Auftakt bildet das Gebäude der Akademie selbst, ein Entwurf des Architekten und ehemaligen Senatsbaudirektors Werner Düttmann. Um die Geschichte des Standorts sichtbar zu machen, hat das Kuratorenteam die Grundrisse der historischen Bürgerhäuser, die einst an dieser Stelle standen, mit schwarzem Klebeband auf den Boden der Ausstellungshallen übertragen. Diese diagonal verlaufenden Linien erzeugen eine bewusste Irritation beim Betrachter. Ein prominentes Beispiel aus der Historie ist das Grundstück Brückenallee 5–7, das einst der jüdischen Eigentümerin Dagmar Schwarz gehörte, die im Holocaust ermordet wurde. In der Nähe residierten zudem Akteure wie Generalstabschef Helmuth Johannes Ludwig von Moltke oder der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Gustav Adolf von Götzen. Ein weiteres Exponat ist die Häkelarbeit „Falowiec“ von Julita Wójcik, die einen 800 Meter langen Wohnblock aus Danzig von 1973 thematisiert. Zudem sind eine Notküche der Initiative „CO-HATY“ aus der Ukraine sowie ein Bambus-Grundgerüst der Architektin Marina Tabassum für Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch zu sehen. Auch die Situation in Gaza wird durch einen großformatigen Schwarzplan dokumentiert, der die Zerstörungen der letzten drei Jahre veranschaulicht.
Hintergrund – wie es dazu kam
Das Berliner Hansaviertel, in dem die Akademie der Künste beheimatet ist, gilt als ein Paradebeispiel für den Optimismus der 1950er Jahre. Anlässlich der Bauausstellung 1957 sollte hier ein modernes Wohnumfeld entstehen, das die Vergangenheit radikal hinter sich ließ. Die Akademie am Hanseatenweg, ein Meisterwerk von Werner Düttmann, wurde jedoch nicht auf einer unberührten Fläche errichtet. Sie steht auf den Trümmern von Bürgerhäusern, die 1943 durch alliierte Bombenangriffe zerstört worden waren. Lange Zeit wurde diese Vorgeschichte innerhalb der Institution und im städtischen Diskurs weitgehend verdrängt. Die aktuelle Ausstellung markiert einen Wendepunkt in dieser Erinnerungskultur, indem sie die Spurensuche radikalisiert. Während in den vergangenen Jahren bereits vereinzelt auf das „Davor“ hingewiesen wurde, geht „Metaxy“ nun einen entscheidenden Schritt weiter. Sie macht die Überlagerung von Geschichte zum zentralen Gegenstand. Der Begriff „Metaxy“ stammt aus dem Altgriechischen und beschreibt den Zustand des „Dazwischen“. Er dient als analytisches Werkzeug, um die formlose Zwischenzeit zu begreifen, in der das Alte bereits verschwunden, das Neue aber noch nicht gefestigt ist. Die Ausstellung versteht sich somit als eine notwendige Korrektur der offiziellen Geschichtsschreibung des Hansaviertels.
Die Beteiligten
Die inhaltliche Verantwortung für das Projekt liegt bei einem Kuratorenteam unter der Leitung von Anh-Linh Ngo, dem Vizepräsidenten der Akademie der Künste. Ngo ist zudem Herausgeber der Zeitschrift „Arch+“, in deren Heft 265 die Thematik der Ausstellung vertieft wird. Zu den beteiligten Künstlern und Architekten zählen unter anderem Julita Wójcik, deren textile Arbeit die weibliche Perspektive auf den Wohnungsbau hervorhebt, sowie die Architektin Salma Samar Damluji, die im Jemen traditionelle Lehmziegelbautechniken zur Bewahrung historischer Substanz einsetzt. Auch die Arbeit von Marina Tabassum, die für ihre nachhaltigen Bambuskonstruktionen in Bangladesch bekannt ist, nimmt einen wichtigen Platz ein. Die Initiative „CO-HATY“ vertritt die Perspektive des Überlebens unter Kriegsbedingungen in der Ukraine. Nicht zuletzt wird die Rolle der historischen Eigentümer, wie etwa Dagmar Schwarz, gewürdigt, um den persönlichen Bezug zur zerstörten Bausubstanz herzustellen. Die Institution der Akademie der Künste selbst fungiert dabei nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als aktiver Teil der musealen Aufarbeitung, indem sie ihre eigene architektonische Geschichte kritisch reflektiert und die Korrespondenzen zur Restitution und Wiedergutmachung öffentlich zugänglich macht.
Einordnung – was das bedeutet
Einzuordnen ist die Ausstellung als ein notwendiger Bruch mit der Illusion einer durchgehenden, harmonischen Geschichte. Den Berichten zufolge gelingt es den Kuratoren, die Komplexität des Wiederaufbaus ohne belehrende Tonalität zu vermitteln. Die Entscheidung, die Grundrisse der zerstörten Häuser mit Klebeband zu markieren, ist dabei mehr als eine rein ästhetische Setzung; sie ist ein politisches Statement gegen das Vergessen. Die Ausstellung verdeutlicht, dass Bodenfragen die folgenschwerste Komponente bei jedem Wiederaufbau darstellen. In Warschau etwa führte die radikale Enteignung nach 1945 zu einem schnellen Wiederaufbau, löschte jedoch gleichzeitig die Spuren des jüdischen Ghettos durch Überbauung aus. Die Ausstellung zeigt, dass Gerechtigkeit in solchen Kontexten kaum vollständig herzustellen ist. Das „Dazwischen“ ist keine vermittelnde Mitte, sondern ein Raum, in dem Brüche permanent präsent bleiben. Die Schau überzeugt durch ihre Fallbeispiele, die zeigen, dass Wiederaufbau immer auch ein Aushandeln konkurrierender Ansprüche ist. Es geht nicht um Befriedung, sondern um das Sichtbarmachen dessen, was ausgeblendet wurde, um eine vermeintlich saubere Moderne zu konstruieren.
Offene Fragen – was der Quelltext nicht beantwortet
Obwohl die Ausstellung eine breite Palette an globalen Beispielen abdeckt, bleiben einige Aspekte unbeantwortet. Der Quelltext gibt beispielsweise keine Auskunft darüber, wie die Resonanz der Berliner Anwohner auf die kritische Auseinandersetzung mit ihrem Stadtteil ausfällt. Auch bleibt unklar, ob die Akademie der Künste plant, die Bodenmarkierungen über die Dauer der Ausstellung hinaus als dauerhaftes Mahnmal zu erhalten oder ob sie nach dem 6. Dezember spurlos entfernt werden. Ebenso wenig wird detailliert erläutert, welche spezifischen rechtlichen Hürden bei der Restitution der Grundstücke im Hansaviertel genau im Vordergrund standen, da hier nur allgemein auf die Korrespondenzen in den Vitrinen verwiesen wird. Die Ausstellung thematisiert zwar die Problematik des Wiederaufbaus in Gaza, doch wie genau die Kuratoren die Balance zwischen der Dokumentation der Zerstörung und der politischen Neutralität in der Praxis halten, wird nur angedeutet. Es bleibt offen, welche weiteren Projekte die Akademie im Anschluss an diese Ausstellung plant, um den Diskurs über die „Zwischenzeit“ dauerhaft in ihr Programm zu integrieren.
Wie es weitergeht
Die Ausstellung „Metaxy. Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau“ ist noch bis zum 6. Dezember in der Akademie der Künste am Hanseatenweg für das Publikum zugänglich. Interessierte Besucher haben bis zu diesem Datum die Möglichkeit, die Exponate, darunter die Videoinstallation von Feda Wardak und die verschiedenen architektonischen Modelle, zu besichtigen. Begleitend zur Ausstellung ist das Heft 265 der Zeitschrift „Arch+“ erschienen, das als vertiefende Lektüre dient und die theoretischen Hintergründe der Kuratoren detailliert darlegt. Zudem ist der Katalog zur Ausstellung zum Preis von 28 Euro erhältlich. Da die Ausstellung eine Vielzahl von Themen wie die Situation der Rohingya in Bangladesch oder die Notküchen in der Ukraine umfasst, ist davon auszugehen, dass die Debatten über diese Fallbeispiele auch nach dem Ende der Laufzeit in Fachkreisen der Architektur und Stadtplanung fortgeführt werden. Weitere offizielle Termine oder Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung werden von der Akademie der Künste über ihre üblichen Kommunikationskanäle bekannt gegeben.