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Brüder Grimm: Als Wilhelm Grimm bei Goethe Rotwein trank
Kultur · 13.10.2026 12:33

Brüder Grimm: Als Wilhelm Grimm bei Goethe Rotwein trank

Kurz: Einblicke in eine historische Begegnung: Wie der junge Wilhelm Grimm im Jahr 1809 in Weimar auf Johann Wolfgang von Goethe traf.

Eine Reise nach Weimar: Die Begegnung zweier Geistesgrößen

Im Dezember 1809 begab sich der dreiundzwanzigjährige Wilhelm Grimm auf eine beschwerliche Reise von Halle in das thüringische Weimar. Der junge Märchensammler, der zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich angeschlagen war und unter einer Erkältung sowie Herzbeschwerden litt, hegte den dringenden Wunsch, den berühmten Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe persönlich zu treffen. Es war nicht sein erster Versuch; bereits wenige Monate zuvor war ein ähnliches Unterfangen gescheitert. Die Reise erfolgte in einer offenen Kutsche bei winterlichen Bedingungen, was die Strapazen für den jungen Mann, der zu diesem Zeitpunkt noch keine feste Anstellung gefunden hatte, erheblich steigerte. Nach einem Zwischenstopp in Naumburg erreichte er schließlich am 11. Dezember Weimar. Sein Ziel war das Haus am Frauenplan, der Wohnsitz Goethes, den er mit einem Empfehlungsschreiben des Romantikers Achim von Arnim aufsuchte. Obwohl ihm der erste Zutritt verwehrt blieb, da der Hausherr als krank gemeldet war, nahm das Schicksal eine glückliche Wendung: Ein Bote Goethes kontaktierte ihn kurz darauf, um ihn zu einer Theateraufführung einzuladen und ein Gespräch für den Folgetag zu vereinbaren. Es war der Beginn einer denkwürdigen Begegnung, die Wilhelm Grimm später in Briefen festhielt.

Die Details der historischen Begegnung

Nachdem Wilhelm Grimm am 11. Dezember 1809 in Weimar eingetroffen war und zunächst keinen Einlass bei Goethe gefunden hatte, verbrachte er den Abend in der Gesellschaft der Witwe Johanna Schopenhauer, der Mutter des späteren Philosophen Arthur Schopenhauer. In ihrem liberalen Salon verkehrten bedeutende Persönlichkeiten wie Christoph Martin Wieland. Auf Geheiß Goethes wurde Grimm schließlich eingeladen, das Weimarer Theater zu besuchen, wo er in der Loge des Dichters das Stück „Die deutschen Kleinstädter“ von August von Kotzebue sah. Am 12. Dezember fand schließlich das ersehnte Treffen im Haus am Frauenplan statt. Grimm beschrieb Goethe als einen Mann, der in Schwarz gekleidet war, zwei Orden trug und „ein wenig gepudert“ erschien. Besonders beeindruckt zeigte sich Grimm davon, dass der Geheime Rat ihm gegenüber „sehr demütig“ auftrat und in einem „frankfurtischen“ Dialekt sprach, den Grimm als vertraut empfand. Das Gespräch fand in einem der Räume statt, die Grimm nach dem Passieren der Schwelle mit dem „Salve“-Schriftzug erreichte. Der Zeitpunkt war historisch bedeutsam, da Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ erst wenige Wochen zuvor, Ende Oktober 1809, veröffentlicht worden war und das literarische Gespräch maßgeblich prägte.

Der Hintergrund: Eine Zeit des Umbruchs

Wilhelm Grimms Reise nach Weimar war eingebettet in eine Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Die napoleonischen Kriege hatten Europa erschüttert und auch das Kurfürstentum Hessen, die Heimat der Grimms, war unter die Herrschaft von Napoleons Bruder Jérôme gefallen. Die Brüder Jacob und Wilhelm wuchsen in einer Welt auf, die durch den frühen Tod des Vaters und den Verlust familiärer Sicherheit geprägt war. Dennoch fanden sie in ihrem familiären Netzwerk, insbesondere durch den Großvater und eine Tante, Unterstützung. Wilhelm hatte sein Jurastudium abgeschlossen, fühlte sich jedoch nicht zu diesem Beruf berufen. Stattdessen war er literarisch aktiv und hatte unter anderem Übersetzungen dänischer Dichtungen in der „Zeitung für Einsiedler“ veröffentlicht, einem Blatt, das unter der Herausgeberschaft von Achim von Arnim stand. Die Romantik, der sich die Grimms verbunden fühlten, befand sich in einem ständigen intellektuellen Scharmützel mit Vertretern der klassischen Philologie wie Johann Heinrich Voß. Dieser Hintergrund bildete das Fundament für Wilhelms Wunsch, den Kontakt zu Goethe zu suchen, der als zentrale Figur der deutschen Literatur sowohl als Dichter als auch als Verwalter der Herzoglichen Bibliothek in Weimar fungierte.

Die handelnden Personen und Institutionen

Im Zentrum dieser Begegnung stehen Wilhelm Grimm und Johann Wolfgang von Goethe. Während Grimm als junger, aufstrebender Gelehrter und Märchensammler auftrat, war Goethe bereits eine etablierte Größe, die als Geheimer Rat und Leiter der Herzoglichen Bibliothek in Weimar eine herausragende Stellung innehatte. Weitere wichtige Akteure sind Achim von Arnim, dessen Empfehlungsschreiben die Tür zu Goethe öffnete, sowie Johanna Schopenhauer, die einen bedeutenden Salon in Weimar unterhielt. Friedrich Wilhelm Riemer, Goethes treuer Helfer und ehemaliger Hauslehrer, fungierte als Vermittler, der Grimm den Theaterbesuch ermöglichte. Auch der Dichter Zacharias Werner wird erwähnt, dessen exzentrisches Auftreten bei Goethe, bei dem er symbolisch mit Lorbeerblättern aus einer Bratensoße gekrönt wurde, die Atmosphäre am Frauenplan illustriert. Die Familie Grimm selbst, bestehend aus Jacob, Wilhelm und ihren Geschwistern, bildet den familiären Rückhalt, der es den Brüdern ermöglichte, ihr wissenschaftliches Werk trotz der widrigen politischen Umstände und des ständigen gesellschaftlichen Wandels voranzutreiben.

Einordnung der Begegnung

Einzuordnen ist das Treffen als eine Begegnung zwischen der aufstrebenden Generation der Romantik und dem etablierten Klassizismus. Den Berichten zufolge war das Gespräch von einer bemerkenswerten Ungezwungenheit geprägt. Dass Goethe, der als „großer Mensch“ wahrgenommen wurde, dem jungen Grimm so offen und ohne Standesdünkel begegnete, hinterließ bei diesem einen bleibenden Eindruck. Die gemeinsame Basis bildete das Interesse an Literatur, Bibliotheken und der Volksdichtung. Es ist davon auszugehen, dass das Gespräch auch politische Untertöne hatte, da die französische Besatzung und die gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit die Lebensentwürfe beider Männer maßgeblich beeinflussten. Die Tatsache, dass Goethe über seinen Roman „Die Wahlverwandtschaften“ sprach, unterstreicht die intellektuelle Relevanz des Austauschs. Für Wilhelm Grimm bedeutete die Anerkennung durch Goethe eine Bestätigung seines eigenen Weges als Literat und Wissenschaftler. Die Begegnung symbolisiert zudem die Vernetzung der damaligen Geisteswelt, in der persönliche Kontakte und Empfehlungsschreiben entscheidend für den Zugang zu den Zentren der Macht und Kultur waren.

Offene Fragen und Lücken im Bericht

Obwohl die Korrespondenz Wilhelm Grimms detaillierte Einblicke in den Ablauf des Besuchs gewährt, bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Der Quelltext enthält keine expliziten Informationen darüber, ob Goethe und Grimm tatsächlich über die politische Instabilität der napoleonischen Ära sprachen oder wie genau Goethes Meinung zu den politischen Ansichten der Grimms ausfiel. Auch bleibt unklar, ob Goethe die literarischen Ambitionen Wilhelms in diesem Gespräch konkret förderte oder ob es bei einem höflichen Austausch blieb. Ebenso fehlen Details über die genauen Inhalte der Diskussionen zu den „Wahlverwandtschaften“, abgesehen von Wilhelms schriftlich festgehaltener Meinung zum Roman. Es wird nicht deutlich, inwieweit Goethe die Arbeit der Brüder an den „Kinder- und Hausmärchen“ bereits kannte oder wie er die wissenschaftliche Arbeit Jacob Grimms an der Bibliothek von König Jérôme bewertete. Die genaue Dauer des Gesprächs am 12. Dezember wird ebenfalls nicht spezifiziert, was Raum für Spekulationen über die Tiefe der intellektuellen Verbindung lässt.

Der weitere Weg der Brüder Grimm

Die Begegnung in Weimar war nur ein Mosaikstein im Leben der Brüder Grimm. Ihr weiterer Lebensweg war geprägt von wissenschaftlicher Akribie und politischem Engagement. Während sie in Göttingen und später in Berlin lehrten, wurden sie zu Symbolfiguren eines Bürgertums, das sich gegen adelige Willkür auflehnte. Jacob Grimm engagierte sich 1848 in der Paulskirche und setzte sich für weitreichende Freiheitsrechte ein, darunter das Asylrecht. Ihr gemeinsames Lebenswerk, insbesondere das „Deutsche Wörterbuch“, setzte Maßstäbe für die Sprachwissenschaft, auch wenn es erst ein Jahrhundert später vollendet wurde. Die Märchensammlung, die heute weltbekannt ist, entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem kulturellen Erbe, das weit über die ursprünglichen Texte hinausreicht. Die enge Bindung zwischen Jacob und Wilhelm, die sich in gemeinsamen Wohnungen und der geteilten Arbeit manifestierte, blieb bis ins Alter bestehen. Ihr Leben, das in einer Zeit des Umbruchs begann, spiegelt die Entwicklung der modernen Demokratie und Gesellschaft wider, wobei ihre Briefe bis heute als wertvolle Quelle für die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts dienen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/fenster-museum-estland-touristenziel-4285173/ · Foto: Una Laurencic
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/wilhelm-grimm-zu-besuch-bei-goethe-in-weimar-accg-201306133.html