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Herbstauktionen in London: Von den Nazis geraubter Kandinski wird versteigert
Kultur · 12.10.2026 08:25

Herbstauktionen in London: Von den Nazis geraubter Kandinski wird versteigert

Kurz: Das von den Nazis geraubte Kandinsky-Gemälde „Das bunte Leben“ kommt in London unter den Hammer. Ein Blick auf die Herbstauktionen und den Kunstmarkt.

Ein bedeutendes Werk kehrt auf den Markt zurück

Das Gemälde „Das bunte Leben“ von Wassily Kandinsky, ein stilistisch wegweisendes Landschaftswerk aus dem Jahr 1907, steht im Mittelpunkt der diesjährigen Herbstauktionen in London. Das Werk, das für seine lebendige Darstellung russischer Legenden und Traditionen bekannt ist, wird am 14. Oktober bei Christie’s im Rahmen der Auktion „20th/21st Century: the London Sale“ aufgerufen. Die Schätzungen für das Gemälde liegen zwischen 18 und 25 Millionen Pfund. Die Versteigerung markiert das Ende eines langen und komplexen Prozesses, der mit der Restitution des Kunstwerks an die Erben seiner ursprünglichen jüdischen Eigentümer verbunden ist. Nachdem das Bild über fünf Jahrzehnte als Leihgabe in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München ausgestellt war, wurde es nach einer Entscheidung der Beratenden Kommission für NS-Raubgut im Jahr 2023 offiziell an die Nachfahren zurückgegeben. Der Fall unterstreicht die anhaltende Bedeutung der Provenienzforschung im internationalen Kunsthandel und die ethische Verantwortung, die Auktionshäuser und Museen bei der Aufarbeitung von NS-Raubgut tragen.

Die Geschichte der Eigentümer und der Raub durch die Nationalsozialisten

Die Geschichte des Gemäldes ist untrennbar mit dem Schicksal der Familie Lewenstein verbunden. Der Amsterdamer Nähmaschinenfabrikant Emanuel Albert Lewenstein und seine Ehefrau Hedwig Lewenstein-Weyermann erwarben das Kandinsky-Werk im Jahr 1927. Nach dem Tod von Emanuel Albert Lewenstein im Jahr 1930 übergab die Witwe das Bild als Dauerleihgabe an das Stedelijk Museum in Amsterdam. Die Situation änderte sich dramatisch mit der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Die Kinder der Familie Lewenstein waren gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen, um dem nationalsozialistischen Terror zu entkommen. In dieser Zeit beschlagnahmten die Nationalsozialisten den gesamten Besitz der Familie, darunter auch das wertvolle Kandinsky-Gemälde. Im Jahr 1940 wurde das Werk zwangsversteigert, was den Beginn einer langen Odyssee markierte, die erst Jahrzehnte später durch die rechtliche Aufarbeitung und die Empfehlung der Beratenden Kommission ein Ende fand. Der nun anstehende Verkauf bei Christie’s ist das Ergebnis eines langwierigen Rechtsstreits, insbesondere mit der Bayerischen Landesbank, der sich über sechs Jahre hinzog.

Einordnung der Marktbedeutung und bisherige Auktionsrekorde

Einzuordnen ist das Angebot von „Das bunte Leben“ als eines der bedeutendsten Ereignisse auf dem Londoner Kunstmarkt in diesem Herbst. Kandinsky-Werke, die eine belastete Provenienz aufweisen und nach einer Restitution wieder auf den Markt gelangen, erzielen regelmäßig enorme Preise. Ein prominentes Vergleichsbeispiel ist das Gemälde „Murnau mit Kirche II“ aus dem Jahr 1910. Dieses Werk, das ebenfalls von den Nationalsozialisten geraubt worden war und lange Zeit in einem Museum hing, bevor es an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wurde, stellte im Jahr 2023 bei Sotheby’s einen Auktionsrekord für Kandinsky auf. Es wurde für 37,2 Millionen Pfund versteigert. Die Schätzung von 18 bis 25 Millionen Pfund für „Das bunte Leben“ spiegelt das hohe Interesse der internationalen Sammlerschaft an Werken der klassischen Moderne wider. Experten beobachten genau, wie sich die Marktpreise für solche historisch bedeutsamen Stücke entwickeln, da sie nicht nur als ästhetische Objekte, sondern auch als Zeugnisse einer dunklen historischen Epoche wahrgenommen werden.

Die Londoner Auktionswoche und das internationale Umfeld

Die Londoner Oktoberauktionen finden traditionell in einer Zeit statt, in der die Stadt durch die Kunstmessen Frieze und Frieze Masters ohnehin im Fokus der internationalen Kunstwelt steht. Sammler aus aller Welt reisen an die Themse, um ihre Budgets in moderne und zeitgenössische Kunst zu investieren, bevor sie ihre Reise zur Art Basel Paris fortsetzen. Neben dem Kandinsky-Werk bietet Christie’s weitere hochkarätige Lose an. Als Spitzenlos gilt Piet Mondrians „Composition III (Komposition No.XIII)“ von 1920, das auf 20 bis 30 Millionen Pfund taxiert ist. Auch deutsche Kunst ist stark vertreten, etwa durch August Mackes „Kolonnade mit Segelboot II“ aus dem Jahr 1914, das während eines Aufenthalts am Thunersee entstand und mit 1,5 bis 2 Millionen Pfund bewertet wird. Insgesamt zielt Christie’s darauf ab, mit den 50 Losen der Auktion einen Umsatz zwischen 89,4 und 129,9 Millionen Pfund zu erzielen, was die enorme Kaufkraft unterstreicht, die in diesen Tagen in London konzentriert ist.

Die Sammlung des Modeunternehmers Peter Simon

Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg von Christie’s in diesem Herbst ist die Einlieferung der Kunstsammlung des britischen Modeunternehmers Peter Simon, dem Gründer der Kette Monsoon. Die Sammlung umfasst rund 200 Werke und wird über drei verschiedene Auktionsformate – Abend-, Tages- und Online-Auktionen – veräußert. Die Erwartungen liegen hierbei zwischen 86,5 und 126,7 Millionen Pfund. Simon, der seine Karriere mit einem Stand auf der Portobello Road begann, hat eine Kollektion aufgebaut, die durch ihre Kohärenz besticht. Er ließ sich bei seinen Ankäufen über Jahre hinweg von renommierten Kunsthändlern wie Ivor Braka und Thomas Dane beraten. Die Sammlung spiegelt Simons Vorliebe für intensive Farben und markante Muster wider, die auch in seinem Modestil erkennbar sind. Das teuerste Werk aus dieser Sammlung ist Francis Bacons „Figure in Movement“, das auf 14 bis 18 Millionen Pfund geschätzt wird. Mit dem Erlös aus dem Verkauf plant Simon den Aufbau einer völlig neuen Kunstsammlung.

Fokus auf deutsche Malerei bei Sotheby’s

Während Christie’s durch die Sammlung Simon dominiert wird, setzt Sotheby’s bei seiner „Contemporary Evening Auction“ am 15. Oktober einen klaren Schwerpunkt auf deutsche Malerei. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Papierarbeiten aus der „Helden“-Serie von Georg Baselitz, der im April verstarb. Die Arbeiten stammen aus der Sammlung des Grafen Dürckheim. Ein Werk mit dem Titel „Ein neuer Typ“ aus dem Jahr 1965 wird auf 250.000 bis 350.000 Pfund geschätzt. Insgesamt sollen die 37 Lose der Abendauktion zwischen 41,6 und 58,5 Millionen Pfund einbringen. Bemerkenswert ist, dass 73 Prozent der Lose zum ersten Mal überhaupt in einer Auktion angeboten werden, was eine präzise Preisschätzung für Marktbeobachter erschwert. Neben Baselitz sind weitere Schwergewichte der Kunstszene wie Gerhard Richter, Willem de Kooning, Mark Rothko und Andy Warhol vertreten. Die Londoner Niederlassung von Thaddaeus Ropac begleitet diesen Fokus mit einer begleitenden Ausstellung zur „Helden“-Serie von Baselitz.

Marktbeobachtung und die Rolle von Phillips

Das Auktionshaus Phillips ergänzt das Angebot mit seinem „Modern & Contemporary Art Evening Sale“, bei dem 23 Werke mit einem geschätzten Umsatz von 11,8 bis 15 Millionen Pfund präsentiert werden. Auch hier spielt deutsche Kunst eine zentrale Rolle: Der Pariser Sammler Marcel Brient liefert mit Gerhard Richters abstraktem Bild „Mathis“ das Spitzenlos der Auktion, das auf 6 bis 8 Millionen Pfund taxiert ist. Im Kontrast dazu stehen figurative Arbeiten, etwa von der 1997 in Dänemark geborenen Eva Helene Pade. Das Auktionsjahr in London wurde bisher stark von großen Sammlern geprägt, insbesondere durch den Verkauf der Sammlung des Milliardärs Joe Lewis im Juni bei Sotheby’s. Dieser Verkauf erzielte 296,3 Millionen Pfund und gilt als die teuerste jemals in London veräußerte Sammlung in einer Abendauktion. Die Auktionshäuser blicken nun bereits auf die kommenden Termine in New York, während sie in London versuchen, ihre Umsatzziele für den Oktober zu erreichen.

Offene Fragen und verbleibende Unsicherheiten

Trotz der detaillierten Informationen über die Herkunft und die Schätzpreise der Werke bleiben einige Aspekte im Dunkeln. Der Quelltext macht keine Angaben darüber, wer genau die Erben der Familie Lewenstein sind, die nun als Einlieferer des Kandinsky-Werks fungieren. Auch über die genauen Beweggründe, warum das Werk nach der Restitution nun unmittelbar zum Verkauf steht, anstatt es in einer öffentlichen Sammlung zu belassen, gibt es keine expliziten Informationen im vorliegenden Material. Zudem bleibt abzuwarten, wie sich die hohe Anzahl an Werken, die zum ersten Mal auf dem Auktionsmarkt erscheinen, tatsächlich auf die Preisbildung auswirkt. Da historische Vergleichswerte für diese Lose fehlen, ist die Prognose der Auktionshäuser mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Ebenso offen bleibt, ob die angepeilten Gesamtumsätze von Christie’s und Sotheby’s in einem aktuell volatilen Marktumfeld tatsächlich erreicht werden können oder ob die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/statuen-museum-stillleben-skulpturen-11840357/ · Foto: dilara irem
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/ns-raubgut-kandinskys-das-bunte-leben-wird-in-london-versteigert-accg-201302118.html