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Tod von Josef Settele: Wer soll jetzt das Artensterben erklären?
Kultur · 12.10.2026 19:50

Tod von Josef Settele: Wer soll jetzt das Artensterben erklären?

Kurz: Der renommierte Biodiversitätsforscher Josef Settele ist im Alter von 65 Jahren verstorben. Ein Nachruf auf einen Vermittler zwischen Wissenschaft und Gesellsch

Ein unerwarteter Verlust für die Wissenschaft

Die deutsche und internationale Wissenschaftswelt trauert um einen ihrer profiliertesten Köpfe: Josef Settele, ein herausragender Biodiversitätsforscher, ist am 9. Oktober 2026 im Alter von 65 Jahren verstorben. Wie das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle an der Saale, seine langjährige berufliche Wirkungsstätte, offiziell mitteilte, kam der Tod für das Umfeld völlig überraschend. Settele war weit über die akademischen Fachkreise hinaus als eine Stimme bekannt, die komplexe ökologische Zusammenhänge nicht nur präzise analysieren, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit verständlich vermitteln konnte. Sein Ableben hinterlässt eine schmerzliche Lücke, insbesondere im Hinblick auf die anstehende UN-Biodiversitätskonferenz, die in Armenien stattfinden soll. Settele hatte geplant, an dieser Konferenz teilzunehmen, um die Fortschritte der Staatengemeinschaft bei der Umsetzung des Weltnaturabkommens zu begleiten. Seine Fähigkeit, zwischen den hochkomplexen Verhandlungen der fast 200 beteiligten Nationen und dem Informationsbedürfnis der Medien zu vermitteln, galt als einzigartig. Er war bekannt dafür, selbst in den kleinsten Pausen der Konferenzen bereitwillig Auskunft zu geben und die oft zähen diplomatischen Prozesse in einen für Außenstehende greifbaren Kontext zu setzen. Dabei zeichnete ihn eine bemerkenswerte Eigenschaft aus: Er blieb stets optimistisch und bewahrte sich eine grundlegende Zuversicht, die er auch in seinem letzten Buchprojekt, das er 2025 gemeinsam mit dem Unternehmer Dirk Roßmann unter dem Titel „Keine Zeit für Pessimismus“ veröffentlichte, eindrücklich zum Ausdruck brachte.

Ein Leben im Zeichen der Artenvielfalt

Die wissenschaftliche Laufbahn von Josef Settele war tief in seiner persönlichen Leidenschaft verwurzelt. Schon als kleiner Junge im Allgäu entwickelte er eine Faszination für Schmetterlinge, die ihn sein gesamtes Leben begleiten sollte. Diese frühe Begeisterung legte den Grundstein für sein Studium der Agrarbiologie. Seine wissenschaftliche Expertise erlangte er durch jahrelange, intensive Forschung, wobei er insbesondere die Schmetterlinge als Indikatoren für den Zustand ganzer Ökosysteme nutzte. Ein Meilenstein seiner frühen Karriere war seine Promotion im Jahr 1992, in der er die Auswirkungen der Intensivierung des Reisanbaus auf Insektengemeinschaften auf den Philippinen untersuchte. Seine Arbeit dort war so bedeutend, dass Taxonomen ihm zu Ehren eine dort entdeckte Nachtfaltergattung auf den Namen „Setteleia“ tauften. Ein Jahr nach seiner Promotion wechselte er an das damals neu gegründete Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Dort widmete er sich der Untersuchung der komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und der Natur. Über die Jahrzehnte hinweg entwickelte er sich zu einem der meistzitierten Wissenschaftler seines Fachgebiets. Sein kommunikatives und organisatorisches Talent ermöglichte es ihm, zahlreiche interdisziplinäre Verbundprojekte zu leiten und zu koordinieren. Diese Erfahrungen bereiteten ihn optimal auf seine Rolle beim Weltbiodiversitätsrat IPBES vor, wo er als Ko-Vorsitzender maßgeblich am Globalen Assessment von 2019 beteiligt war – einem Bericht, der heute als wegweisendes Dokument für das Verständnis der globalen Biodiversitätskrise gilt.

Der Weg zum Experten für globale Krisen

Der Aufstieg von Josef Settele zu einem der wichtigsten Berater für Umweltpolitik war kein Zufall, sondern das Resultat einer konsequenten wissenschaftlichen Arbeit, die stets den Brückenschlag zur Gesellschaft suchte. Am UFZ leitete er zuletzt das Department Naturschutzforschung. Seine Expertise war derart gefragt, dass er in einer Vielzahl von einflussreichen Gremien vertreten war. Dazu zählten unter anderem die Fokusgruppe Biodiversität – Landnutzung – Klima der Leopoldina, das Expertenpanel des Weltbiodiversitätsrats, der Sachverständigenrat der Bundesregierung sowie der Wissenschaftliche Beirat Natürlicher Klimaschutz. Die hohe Nachfrage nach seiner Person lässt sich laut Berichten auf eine seltene Kombination zurückführen: Settele verband eine tiefgreifende wissenschaftliche Fundierung mit einer gelassenen Freundlichkeit und einem ausgeprägten Sinn für Humor. Er verstand es, den Artenschwund nicht nur als ein isoliertes Problem für Insekten oder seltene Pflanzen darzustellen, sondern als eine fundamentale Bedrohung für die Lebensgrundlagen des Menschen. Durch seine Arbeit beim IPBES trug er maßgeblich dazu bei, dass die Biodiversitätskrise mit harten Fakten unterlegt wurde und somit ein zentraler Bestandteil der internationalen politischen Agenda werden konnte. Sein Wirken war geprägt von der Überzeugung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie in die Sprache der Politik und der Gesellschaft übersetzt werden können, ohne dabei an fachlicher Tiefe zu verlieren.

Die Akteure und Gremien in Setteles Umfeld

Die Liste der Institutionen, in denen Josef Settele tätig war, liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen und internationalen Forschungslandschaft. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) fungierte dabei als sein wichtigster institutioneller Ankerpunkt. Hier koordinierte er nicht nur das Department Naturschutzforschung, sondern war auch in die übergeordnete Struktur eingebunden, die den Austausch zwischen Wissenschaft und Politik fördert. Die Einbindung in den Weltbiodiversitätsrat IPBES stellte den internationalen Höhepunkt seiner Karriere dar, wo er als Ko-Vorsitzender des Globalen Assessments 2019 eine zentrale Rolle bei der Erarbeitung globaler Standards für die Bewertung der Naturzerstörung einnahm. Auch auf nationaler Ebene war Settele ein gefragter Ratgeber. Die Leopoldina, als Nationale Akademie der Wissenschaften, nutzte seine Expertise ebenso wie die Bundesregierung über den Sachverständigenrat. Die Zusammenarbeit mit dem Unternehmer Dirk Roßmann bei seinem letzten Buchprojekt verdeutlicht zudem, dass Settele bereit war, den Dialog über die akademischen Grenzen hinaus in die Wirtschaft und die breite Öffentlichkeit zu tragen. Diese Vernetzung war für ihn kein Selbstzweck, sondern ein notwendiges Instrument, um den Herausforderungen des Artensterbens effektiv zu begegnen. Die Akteure, die nun ohne seine Expertise auskommen müssen, stehen vor der Herausforderung, jemanden zu finden, der eine ähnliche Bandbreite an fachlicher Exzellenz und kommunikativer Leichtigkeit in die Debatten einbringen kann.

Einordnung der wissenschaftlichen Bedeutung

Einzuordnen ist das Wirken von Josef Settele als ein Paradebeispiel für die Rolle des modernen Wissenschaftlers in einer krisengeprägten Welt. Den Berichten zufolge war Settele nicht nur ein exzellenter Forscher, sondern ein „Übersetzer“. Er verstand es, die oft abstrakten Zahlen und Daten über das Aussterben von Arten in eine Erzählung zu verwandeln, die den Menschen betrifft. Sein Fokus auf Insekten, insbesondere Schmetterlinge, diente dabei als „Einstiegsdroge“ für ein tieferes Verständnis der komplexen Netzwerke des Lebens. Dass er dabei stets gegen einen pessimistischen Grundton ankämpfte, war eine bewusste Entscheidung. Er sah in der Mutlosigkeit eine Gefahr, die notwendige politische Maßnahmen lähmen könnte. Den Berichten zufolge zeichnete sich Settele durch eine bemerkenswerte Geduld aus, selbst wenn er sich mit den oft frustrierenden diplomatischen Prozessen bei UN-Konferenzen auseinandersetzen musste. Seine Fähigkeit, in einem Umfeld von fast 200 Staaten, die jeweils eigene Interessen verfolgen, den Fokus auf das Wesentliche – den Schutz der Natur – zu lenken, wird von Kollegen als eine seiner größten Stärken hervorgehoben. Er war kein Mann der lauten Töne, sondern ein Wissenschaftler, der durch Sachlichkeit und eine unerschütterliche, auf Fakten basierende Zuversicht überzeugte. Sein Tod markiert somit nicht nur den Verlust eines Experten, sondern auch den Verlust einer moderierenden Stimme, die in der Lage war, die Fronten zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu glätten.

Lücken in der Berichterstattung und offene Fragen

Obwohl der Nachruf auf Josef Settele ein umfassendes Bild seines beruflichen Wirkens zeichnet, bleiben einige Fragen naturgemäß unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben zu den näheren Umständen seines plötzlichen Todes, abgesehen von der knappen Formulierung „plötzlich und unerwartet“. Auch bleibt offen, wie die verschiedenen Gremien, in denen er tätig war, nun mit seinem Ausscheiden umgehen werden. Es gibt derzeit keine Informationen darüber, wer seine Aufgaben am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung übernehmen könnte oder wer seine Rolle als Ko-Vorsitzender in den verschiedenen Expertenpanels ausfüllen wird. Ebenso wenig ist bekannt, welche konkreten Projekte oder Publikationen eventuell noch in der Pipeline waren, die nun unvollendet bleiben. Die Frage, wer in die Fußstapfen eines Mannes tritt, der eine derart seltene Kombination aus fachlicher Tiefe und kommunikativer Begabung besaß, wird in der Berichterstattung nicht thematisiert. Es bleibt eine Lücke bezüglich der internen Nachfolgeplanung in den genannten Institutionen. Auch die Frage, wie sich sein plötzlicher Tod unmittelbar auf die anstehenden Verhandlungen in Armenien auswirken wird, bleibt spekulativ, da der Text lediglich seine geplante Teilnahme erwähnt, aber keine Details zu einer möglichen Vertretung oder den Auswirkungen auf die deutsche Delegation nennt. Diese Unklarheiten sind typisch für einen ersten Nachruf, lassen jedoch Raum für zukünftige Entwicklungen in der Forschungslandschaft.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/kunstausstellung-in-stimmungsvoller-museumsatmosphare-35400472/ · Foto: Dick Scholten
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zum-tod-von-biodiversitaetsforscher-josef-settele-201311459.html