Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich
Die französische Nationalbibliothek (BnF) in Paris widmet dem Schriftsteller Georges Perec anlässlich seines 90. Geburtstages eine groß angelegte Werkschau. Die Ausstellung unter dem Titel „Georges Perec. Modes d’emploi“ bietet einen tiefen Einblick in das Leben und das außergewöhnliche Schaffen eines Autors, der als eines der bedeutendsten literarischen Genies des 20. Jahrhunderts gilt. Perec, der 1982 im Alter von nur 46 Jahren verstarb, hinterließ ein Werk, das durch seine enorme Vielfalt und formale Experimentierfreude besticht. Die Ausstellung versammelt mehr als 300 Exponate, die den Besucher durch ein „polymorphes“ Werk führen, das von komplexen mathematischen Strukturen bis hin zur akribischen Beobachtung des Alltags reicht. Die Schau ist nicht nur eine Hommage an einen verstorbenen Dichter, sondern auch eine Einladung, die Mechanismen seines Schreibens und seine Faszination für die kleinen Dinge des Lebens zu entdecken. Die Kuratoren Claire Lesage und Jean-Luc Joly haben eine Inszenierung geschaffen, die den Geist Perecs atmet und die Besucher dazu animiert, sich auf die spielerische und zugleich tiefgründige Welt des Autors einzulassen.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Die Ausstellung umfasst mehr als 300 Objekte, die in den Räumlichkeiten der Nationalbibliothek in Paris präsentiert werden. Ein besonderes Highlight ist die Präsentation eines alten Schubladenmöbels, das am Ende des Parcours steht und die Karteikarten zu Perecs Werken enthält – eine direkte Referenz an den Wunsch des Autors, sein Werk im Katalog der Nationalbibliothek zu verewigen. Zu den ausgestellten Stücken gehören unveröffentlichte Manuskripte, darunter ein Frühwerk, das sich mit dem Gemälde „Condottiere“ von Antonello da Messina befasst. Auch die Verbindung zur bildenden Kunst wird deutlich: Gezeigt werden Zeichnungen und Postkarten, die Perecs Interesse an der Malerei unterstreichen. Die Ausstellung ist architektonisch so gestaltet, dass ihr Grundriss die sechs Vokale des Alphabets nachzeichnet. Begleitend dazu findet in der Bibliothèque de l’Arsenal eine weitere Ausstellung mit dem Titel „le Vrai du Faux“ statt, die sich mit der Wahrheit des Falschen und Perecs Lust am Spiel mit der Fiktion auseinandersetzt. Beide Ausstellungen sind bis zum 14. Februar 2027 für das Publikum zugänglich. Der begleitende Katalog zur Ausstellung ist für 42 Euro erhältlich.
Hintergrund – Die Entstehung eines literarischen Mythos
Georges Perec verfolgte schon früh einen ehrgeizigen Plan: Er wollte sein gesamtes literarisches Schaffen in den Katalog der Nationalbibliothek integrieren. In einem Interview mit dem Journalisten Jacques Chancel im Jahr 1978, kurz nach der Veröffentlichung seines Hauptwerks „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ und dem Gewinn des Prix Médicis, äußerte er diesen Wunsch. Dass dieser Plan aufging, zeigt die heutige Ausstellung, in der anderthalb Karteikästen mit Verweisen auf sein Werk zu finden sind. Perecs Weg zum literarischen Mythos war geprägt von einer ständigen Suche nach neuen Ausdrucksformen. Sein Werk durchmisst alle Dimensionen, in die Schrift vordringen kann. Er begann mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Erstling „Les Choses“ (Die Dinge) und entwickelte sich zu einem methodischen Vielschreiber, der auch als Teil der „Werkstatt für potentielle Literatur“ (Oulipo) bekannt wurde. Ab 1967 prägte er gemeinsam mit Autoren wie Italo Calvino und Raymond Queneau die literarische Avantgarde, wobei er stets die Grenzen zwischen mathematischer Strenge und erzählerischer Freiheit auslotete.
Die Beteiligten – Personen und Institutionen
Im Zentrum der Ausstellung steht Georges Perec selbst, dessen Leben und Werk durch die Kuratoren Claire Lesage und Jean-Luc Joly akribisch aufgearbeitet wurden. Die Pariser Nationalbibliothek (BnF) fungiert als Hauptveranstalter, während die Bibliothèque de l’Arsenal den ergänzenden Teil der Schau beherbergt. In der Ausstellung werden auch Einflüsse und Weggefährten gewürdigt: So werden Künstler wie Sophie Calle und Christian Boltanski genannt, die sich von Perecs Beobachtungen des Alltags, dem sogenannten „Infra-Ordinaire“, inspirieren ließen. Auch der Maler Pierre Getzler wird erwähnt, mit dem Perec 1964 eine prägende Reise nach Bern unternahm, um die Werke von Paul Klee zu studieren. Der Journalist Jacques Chancel wird als Gesprächspartner zitiert, der Perecs Ambitionen in einem Interview festhielt. Zudem wird der Freund Eugen Helmlé als Übersetzer von Perecs Werk „Ein Kunstkabinett“ angeführt, dessen Worte die Faszination für den schönen Schein unterstreichen.
Einordnung – Die Bedeutung des Werks
Einzuordnen ist das Werk Perecs als ein ständiges Ringen um Ordnung und Struktur in einer komplexen Welt. Den Berichten zufolge gilt Perec als ein Autor, der die kleinen Dinge des Alltags – das kaum Wahrgenommene – in den Rang von Literatur erhob. Seine Arbeitsweise, die er selbst mit der eines Bauern verglich, der verschiedene Früchte auf unterschiedlichen Feldern anbaut, zeugt von einer immensen Vielseitigkeit. Die Ausstellung verdeutlicht, dass Perecs literarische Maschinen, wie sie im Oulipo-Kontext entstanden, keineswegs trocken oder rein technisch waren. Vielmehr gelang ihm eine Synthese aus mathematischem Formalismus und einem „totalisierenden“ Realismus. Die Ausstellung zeigt zudem, dass Perec nicht nur ein begnadeter Schreiber war, sondern auch ein talentierter Zeichner, dessen visuelle Vorstellungen in seine literarischen Entwürfe einflossen. Die Verbindung von Abstraktion und Figuration, die er bei Paul Klee bewunderte, findet sich in seinem eigenen Schaffen wieder, insbesondere in der Art und Weise, wie er die Welt um sich herum in Listen und Beschreibungen zu fassen versuchte.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet
Der Quelltext bietet zwar einen umfassenden Einblick in die Ausstellung und Perecs Arbeitsweise, lässt jedoch einige Aspekte offen. So wird nicht detailliert erläutert, wie die Auswahl der über 300 Exponate genau getroffen wurde oder welche spezifischen Kriterien die Kuratoren für die räumliche Anordnung nach den Vokalen des Alphabets anwandten. Auch bleibt unklar, welche anderen unveröffentlichten Manuskripte neben dem zum „Condottiere“ in der Schau zu sehen sind und welchen inhaltlichen Umfang diese genau haben. Zudem wird die Frage nicht beantwortet, wie die Resonanz des Publikums auf die interaktiven Elemente der Ausstellung, etwa den Versuch, nach Perecs Regeln zu schreiben, bisher ausgefallen ist. Auch über die genauen Hintergründe der Wiederentdeckung der Postkartensammlung wird nur kurz berichtet, ohne die Umstände dieses Fundes weiter zu vertiefen. Der Text konzentriert sich primär auf die literarische und künstlerische Einordnung, während organisatorische Details zur Leihgabe der Objekte oder zur Finanzierung der Ausstellung nicht thematisiert werden.
Wie es weitergeht – Ausblick und Termine
Die Ausstellungen in der Pariser Nationalbibliothek und der Bibliothèque de l’Arsenal sind noch für einen längeren Zeitraum geplant. Interessierte Besucher haben bis zum 14. Februar 2027 die Möglichkeit, die Exponate zu besichtigen und sich mit Perecs „Gebrauchsanweisung für ein Leben“ auseinanderzusetzen. Da die Ausstellung den Besucher aktiv einlädt, sich an den Schreibvorgaben des Autors zu versuchen, ist davon auszugehen, dass die Auseinandersetzung mit Perecs Werk auch über die Laufzeit der Ausstellung hinaus in literarischen Kreisen fortbestehen wird. Weitere Schritte oder spezifische Begleitveranstaltungen, die über den Katalog hinausgehen, werden im Quelltext nicht explizit genannt. Die Ausstellung bleibt somit ein zentraler Anlaufpunkt für alle, die das Werk eines Autors erkunden möchten, der das Verschwinden – sowohl im literarischen Sinne als auch im persönlichen, durch den Verlust der Eltern im Krieg – zeitlebens thematisierte und dessen Wunsch, „nichts zu vergessen“, in dieser umfassenden Werkschau eine eindrucksvolle Erfüllung findet.