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Herzinfarkt als Weckruf: Wie ein Bauern-Ehepaar aus Wildeck sein Leben veränderte
Regional · 18.10.2026 12:08

Herzinfarkt als Weckruf: Wie ein Bauern-Ehepaar aus Wildeck sein Leben veränderte

Kurz: Nach zwei Herzinfarkten in jungen Jahren hat ein Landwirt aus Wildeck sein Leben radikal umgestellt. Ein Einblick in den Druck und die Resilienz der Landwirtsch

Ein einschneidendes Erlebnis als Wendepunkt

Die Geschichte von Rico und Astrid Platzdasch aus Wildeck-Raßdorf in Nordhessen ist ein eindringliches Beispiel für die gesundheitlichen Gefahren, die mit einer extremen beruflichen Belastung in der Landwirtschaft einhergehen können. Über Jahre hinweg war das Leben des Ehepaars von einem unerbittlichen Arbeitspensum geprägt. Der Landwirt, der heute 52 Jahre alt ist, arbeitete zeitweise bis zu 18 Stunden täglich, um sowohl seinen industriellen Schichtdienst als auch den Betrieb seiner Schwiegereltern zu bewältigen. Die körperlichen Warnsignale seines Organismus ignorierte er dabei konsequent. Erst als er mit Anfang 40 gleich zwei Herzinfarkte erlitt, wurde ihm die lebensbedrohliche Konsequenz seines Lebensstils schlagartig bewusst. Dieser gesundheitliche Zusammenbruch fungierte als ein schmerzhafter Weckruf, der das Paar dazu zwang, ihre Arbeitsweise, ihre Prioritäten und ihre Einstellung zum beruflichen Stress grundlegend zu überdenken. Was folgte, war kein sofortiger Ausstieg aus der Landwirtschaft, sondern eine tiefgreifende Transformation des Betriebsalltags, um die eigene Gesundheit nachhaltig zu schützen und den Druck des täglichen Überlebenskampfes zu mindern.

Die harte Realität des landwirtschaftlichen Alltags

Die Zahlen, die den Betrieb der Familie Platzdasch charakterisieren, verdeutlichen das enorme Arbeitspensum: 130 Hektar Land, der Anbau von Getreide und die Haltung von 300 Mastschweinen forderten den Landwirten alles ab. Rico Platzdasch hatte sich nach einer zusätzlichen landwirtschaftlichen Ausbildung in der Abendschule im Jahr 2013 voll auf den Hof konzentriert. Dennoch blieb die Arbeitszeit mit bis zu 16 Stunden pro Tag extrem hoch. Die medizinische Diagnose nach den Infarkten war eindeutig: Der chronische Stress hatte den Herzmuskel und die Gefäße massiv belastet. Ein Kardiologe verdeutlichte ihm während der Rehabilitation die Situation mit dem Bild einer Kerze, die an beiden Enden brennt – sie leuchtet zwar intensiver, verkürzt aber ihre Lebensdauer drastisch. Die psychische Belastung durch finanzielle Verbindlichkeiten, die ständige Sorge um ausbleibende Einnahmen und der Druck, die monatlichen Ausgaben decken zu müssen, führten zu schlaflosen Nächten und einer ständigen Alarmbereitschaft des sympathischen Nervensystems, die den Körper mit Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol flutete.

Der Weg in die Überlastung und die Vorgeschichte

Die Wurzeln der Überlastung lagen in der Kombination aus industrieller Erwerbstätigkeit und dem Aufbau des landwirtschaftlichen Betriebs. Rico Platzdasch empfand den Stress über lange Zeit als positiv und unterschätzte die schleichende Gefahr für seinen Körper. Dass er nach dem ersten Herzinfarkt zunächst in das alte Muster zurückfiel, zeigt, wie tief die Verpflichtungen und der innere Antrieb in der Landwirtschaft verwurzelt sind. Erst der zweite Infarkt zwei Jahre später und das Gespräch mit einem Pfleger auf der Station, der ihm die statistische Überlebenswahrscheinlichkeit vor Augen führte, lösten einen echten Reflexionsprozess aus. Die Erkenntnis, dass er sich in eine ausweglose Situation manövriert hatte, markierte den Beginn einer notwendigen Veränderung. Die Landwirtschaft war für ihn nicht nur ein Beruf, sondern eine Lebensaufgabe, die jedoch durch die finanzielle Last von Krediten für Maschinen und Stallungen zu einem existenziellen Risiko geworden war. Die Geschichte der Platzdaschs verdeutlicht, dass der Weg in die Krise oft schleichend erfolgt und durch eine Mischung aus persönlichem Ehrgeiz und externem wirtschaftlichem Druck befeuert wird.

Die Akteure und ihre Rollen im Veränderungsprozess

Neben Rico und Astrid Platzdasch, die als Hauptakteure ihre eigenen Entscheidungen trafen, spielen verschiedene Institutionen eine Rolle. Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) unterstützt Landwirte nicht nur bei betriebswirtschaftlichen Fragen, sondern bietet auch Hilfe bei seelischen Krisen an. Berater wie Martin Mees begleiten die Familie bei der komplexen Hofübernahme, die oft ein zusätzliches Konfliktpotenzial zwischen den Generationen birgt. Auch die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) ist ein wichtiger Akteur, da sie ein Krisentelefon bereitstellt, das von Psychologen besetzt ist, die mit den spezifischen Problemen der Branche vertraut sind. Astrid Platzdasch, die neben der Arbeit auf dem Hof als Verwaltungsfachangestellte tätig ist, spielt eine zentrale Rolle bei der Bewältigung des Papierkrams und der Organisation des Hofladens. Die Familie, die Mutter von Astrid und externe Fachleute bilden ein Netzwerk, das den Platzdaschs hilft, den Spagat zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und persönlicher Gesundheit zu meistern, wobei die Anerkennung durch die Gesellschaft für die Platzdaschs ein zentrales Anliegen bleibt.

Einordnung der Belastungsfaktoren

Einzuordnen ist die Situation der Familie Platzdasch als symptomatisch für einen ganzen Berufsstand. Den Berichten zufolge ist die Landwirtschaft heute von einer Vielzahl an Stressoren geprägt, die weit über die körperliche Arbeit hinausgehen. Die Abhängigkeit von Weltmarktpreisen, die Unberechenbarkeit des Wetters – verschärft durch den Klimawandel – und die bürokratischen Anforderungen durch verschiedene Behörden bilden ein komplexes Geflecht an Belastungen. Besonders die Dokumentationspflichten, bei denen Informationen für Steuerberater, Lebensmittelbehörden und Zertifizierungsstellen separat aufbereitet werden müssen, rauben den Landwirten wertvolle Zeit. Einzuordnen ist dies als ein strukturelles Problem, bei dem die bürokratische Last oft nicht mit der verfügbaren Arbeitskraft korrespondiert. Die Entscheidung der Platzdaschs, keine neuen Kredite für Maschinen aufzunehmen und stattdessen auf Kooperationen zu setzen, ist eine strategische Antwort auf diesen Druck. Diese Umstellung auf ökologischen Landbau und die Reduzierung der Masttierhaltung zugunsten einer kleinteiligeren Produktion sind Versuche, die Autonomie zurückzugewinnen und den Stress zu minimieren.

Offene Fragen zur systemischen Problematik

Obwohl die Geschichte der Platzdaschs einen persönlichen Ausweg aufzeigt, bleiben systemische Fragen offen. Der Quelltext thematisiert zwar die hohe Suizidrate in sogenannten „grünen Berufen“, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Datenlage für Deutschland begrenzt ist. Es bleibt unklar, welche konkreten politischen Maßnahmen über die bloße Bereitstellung von Krisentelefonen hinausgreifen könnten, um den strukturellen Druck auf landwirtschaftliche Betriebe nachhaltig zu senken. Ebenso wird nicht beantwortet, inwieweit die geforderte gesellschaftliche Anerkennung in konkrete wirtschaftliche Entlastungen übersetzt werden kann. Die Lücke zwischen dem Wunsch der Landwirte nach Wertschätzung und der Realität der Marktpreise bleibt bestehen. Auch die Frage, wie eine Hofnachfolge ohne die oft belastende finanzielle Bürde gestaltet werden kann, wird nur angerissen, aber nicht in ihrer vollen Komplexität gelöst. Es bleibt offen, wie viele Betriebe in Deutschland ähnliche Strategien wie die Platzdaschs verfolgen können, ohne ihre Existenzgrundlage zu gefährden, da nicht jeder Betrieb die Möglichkeit zur Umstellung auf ökologische Nischen hat.

Wie es mit dem Betrieb weitergeht

Die Zukunft der Familie Platzdasch ist nun von einem bewussteren Umgang mit der eigenen Arbeitskraft geprägt. Rico Platzdasch arbeitet heute „nur noch“ etwa zwölf Stunden am Tag, was für ihn eine signifikante Reduktion darstellt. Der Sonntag ist nun fest für die Familie reserviert, und es werden sogar Urlaube eingeplant – eine Neuerung, die früher undenkbar gewesen wäre. Die strategische Ausrichtung des Hofes hat sich dauerhaft verändert: Die Mastschweine wurden abgeschafft, stattdessen halten sie nun rund 60 Hühner, deren Produkte sie direkt ab Hof vermarkten. Diese Form der Direktvermarktung soll nicht nur den Ertrag sichern, sondern auch den direkten Kontakt zu den Konsumenten fördern, um das Verständnis für die landwirtschaftliche Arbeit zu stärken. Die Beratung durch den Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen zur Hofübernahme läuft weiter, um diesen kritischen Prozess so stabil wie möglich zu gestalten. Das Ziel ist klar definiert: Die Vermeidung einer erneuten gesundheitlichen Krise hat Vorrang vor maximalem Wachstum, wobei die Kooperation mit anderen Landwirten anstelle von Konkurrenz den Weg in eine nachhaltigere Zukunft ebnen soll.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/fritzlar-29930155/ · Foto: Christina & Peter
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-herzinfarkt-als-weckruf-wie-ein-bauern-ehepaar-aus-wildeck-sein-leben-veraenderte-100.html