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AKW Biblis, Grube Messel, Flughafen: Wo der Bund in Hessen seine Spuren hinterlassen hat
Regional · 17.10.2026 21:17

AKW Biblis, Grube Messel, Flughafen: Wo der Bund in Hessen seine Spuren hinterlassen hat

Kurz: Seit 50 Jahren prägt der BUND Hessen die Landespolitik. Von der Abschaltung des AKW Biblis bis zum Schutz der Grube Messel – eine Bilanz des Umweltschutzes.

Ein halbes Jahrhundert BUND Hessen: Zwischen Widerstand und Gestaltung

Seit nunmehr fünf Jahrzehnten fungiert der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen als eine der einflussreichsten zivilgesellschaftlichen Kräfte im Bundesland. Die Organisation, die im Oktober 1976 von einer kleinen Gruppe um Ruth Hofbauer, Gerhard Sitzer und Friedrich von Wangenheim ins Leben gerufen wurde, hat die hessische Landschaft und politische Agenda maßgeblich mitgeprägt. Ohne das beharrliche Engagement des Landesverbands sähe die Landkarte Hessens heute vermutlich grundlegend anders aus. Es ist ein Rückblick auf eine Ära, in der der BUND Hessen immer wieder als Korrektiv gegenüber industriellen Großprojekten und staatlicher Planung auftrat. Die Bilanz reicht von der Verhinderung ökologisch fragwürdiger Infrastrukturvorhaben bis hin zur Etablierung international bedeutender Schutzgebiete. Dabei agierte der Verband häufig als Vorreiter, der Themen wie den Atomausstieg oder den Erhalt von Naturräumen lange vor deren gesellschaftlicher Mehrheitsfähigkeit auf die Tagesordnung setzte. Heute blickt der Verband auf eine gewachsene Struktur mit rund 30.000 Mitgliedern, 24 Kreisverbänden und etwa 70 Ortsverbänden zurück, die sich primär durch Spenden, Erbschaften und Mitgliedsbeiträge finanziert.

Meilensteine und konkrete Erfolge in der hessischen Umweltpolitik

Die Liste der Projekte, an denen der BUND Hessen in den vergangenen 50 Jahren mitgewirkt hat, ist lang und in ihren Auswirkungen bis heute spürbar. Zu den prominentesten Erfolgen zählt die Stilllegung des Atomkraftwerks Biblis, ein Prozess, der den Verband über Jahrzehnte begleitete. Ebenso markant ist der Stopp des Autobahn-Lückenschlusses der A4, der ursprünglich quer durch Hessen bis nach Sachsen führen sollte. Ein weiterer bedeutender Erfolg war die Verhinderung einer Mülldeponie in der Grube Messel, die stattdessen als Unesco-Welterbe geschützt wurde. Auch die Ausweisung des Nationalparks Kellerwald-Edersee, der heute Teil des Weltnaturerbes der alten Buchenwälder Europas ist, geht maßgeblich auf Initiativen des BUND zurück. Darüber hinaus erreichte der Verband die Etablierung des Grünen Bandes als Nationales Naturmonument und konnte in juristischen Auseinandersetzungen mit dem Düngemittelhersteller K+S strengere Grenzwerte für die Werra-Einleitungen sowie eine hydraulische Abdichtung der Halde Hattorf durchsetzen. Diese Erfolge unterstreichen die Vielseitigkeit des Verbandes, der sowohl auf lokaler Ebene als auch bei landesweiten Infrastrukturfragen interveniert.

Die Geschichte des Widerstands gegen die Atomkraft in Biblis

Die Auseinandersetzung mit dem Atomkraftwerk Biblis markiert einen der frühesten und intensivsten Schwerpunkte der Verbandsarbeit. Bereits kurz nach der Gründung des BUND Hessen in den 1970er Jahren, zeitgleich mit der Inbetriebnahme des Reaktors, begannen die Proteste. Michael Rothkegel, langjähriger Geschäftsführer und heutiges Vorstandsmitglied, erinnert sich an die tiefe Überzeugung der Aktivisten, dass die Gefahren eines katastrophalen Unfalls untragbar seien. Die Abschaltung im Jahr 2011 wertet er als persönlichen und organisatorischen Erfolg. Dabei war der BUND nicht allein: Die Nuklearkatastrophe von Fukushima und der 25. Jahrestag von Tschernobyl mobilisierten 2011 rund 15.000 Menschen zu einer Demonstration in Biblis. Die Bundesregierung reagierte noch im selben Jahr mit dem Beschluss zum Atomausstieg. Aktuell ist der BUND jedoch weiterhin mit Biblis befasst, da nun der Rückbau, die Entsorgung von Schutt in Büttelborn und die zukünftige Nutzung des Geländes anstehen. Der Verband kritisiert dabei scharf die Pläne der Bundesregierung, dort ein Forschungszentrum für Kernfusion zu errichten, und bezeichnet dies als teuren und unrealistischen Traum.

Infrastrukturprojekte: Zwischen juristischen Erfolgen und Niederlagen

Der BUND Hessen hat in seiner Geschichte zahlreiche Autobahnprojekte kritisch begleitet, darunter die A44 bei Hessisch Lichtenau, die A49 durch den Dannenröder Forst und den Riederwaldtunnel in Frankfurt. Zwar führten diese Interventionen oft zu Verzögerungen oder Planänderungen, doch konnten die Bauvorhaben in diesen Fällen nicht vollständig verhindert werden. Ein herausragendes Beispiel für einen erfolgreichen Widerstand ist die A4. Gemeinsam mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen und lokalen Bürgerinitiativen gelang es, den Ausbau zu stoppen. Jörg Nitsch, der Landesvorsitzende, betont, dass man damals ohne Verbandsklage agierte. Stattdessen überzeugte man die Politik durch fundierte Stellungnahmen, die aufzeigten, dass der prognostizierte Bedarf in keinem Verhältnis zu den Kosten und den ökologischen Eingriffen stand. 1993 wurde das Projekt im Rothaargebirge endgültig gestoppt. Diese Erfolge zeigen, dass der BUND nicht nur durch juristische Mittel, sondern auch durch fachliche Argumentation in der Lage war, politische Entscheidungen maßgeblich zu beeinflussen und ökologische Zerstörungen in sensiblen Regionen zu verhindern.

Schutz der Grube Messel und der Weg zum Welterbe

Ein weiteres Kapitel der Verbandsgeschichte ist der Kampf um die Grube Messel. Der Landkreis Darmstadt-Dieburg plante in den 1980er Jahren, die ehemalige Ölschiefergrube in eine Mülldeponie umzuwandeln. Der BUND Hessen sah darin einen verwerflichen Vorgang, da bereits bekannt war, dass die Grube bedeutende archäologische Funde der Frühgeschichte barg. Trotz einer Genehmigung im Jahr 1981 formierte sich massiver Widerstand, an dem sich später auch der damalige grüne Umweltminister Joschka Fischer beteiligte. Erst 1991 stoppte das Bundesverwaltungsgericht den Bau aufgrund eines Formfehlers. Dieser Sieg ebnete den Weg für den Schutzstatus: 1995 wurde die Grube Messel zum Unesco-Welterbe erklärt. Jörg Nitsch resümiert, dass die Grube heute weltberühmt ist, was ohne den beharrlichen Einsatz der Umweltschützer und der lokalen Bürgerinitiativen kaum möglich gewesen wäre. Dieser Fall illustriert, wie der BUND durch die Verbindung von lokalem Widerstand und juristischer Expertise den dauerhaften Schutz eines ökologisch und wissenschaftlich wertvollen Areals sichern konnte.

Der Nationalpark Kellerwald-Edersee und das Grüne Band

Die Etablierung des Nationalparks Kellerwald-Edersee ist eine der Errungenschaften, auf die der BUND besonders stolz ist. Die Idee für einen Waldnationalpark stammte ursprünglich vom BUND, wobei ein erster Anlauf im Rothaargebirge unter rot-grüner Regierung in den 1980er Jahren scheiterte. Der zweite Anlauf im Kellerwald gelang schließlich unter einer schwarz-geführten Landesregierung. 2004 wurde der Nationalpark gegründet, der heute über 7.600 Hektar umfasst und als Teil der alten Buchenwälder Europas zum Unesco-Weltnaturerbe gehört. Ein weiteres Herzensprojekt ist das Grüne Band, das sich entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze durch Hessen zieht. Als größter Biotopverbund Deutschlands bietet es Lebensraum für bedrohte Arten wie Luchse und Fischotter. 2023 wurde es als Nationales Naturmonument ausgewiesen, was eine langjährige Forderung des BUND erfüllte. Allerdings gab es Rückschläge: Im Juni 2026 beschloss die schwarz-rote Landesregierung, private Flächen aus der Schutzzone herauszunehmen, wodurch das Schutzgebiet von ursprünglich über 8.000 Hektar auf etwa 5.700 Hektar schrumpfte.

Der Frankfurter Flughafen und die Grenzen des Protests

Nicht alle Initiativen des BUND waren von Erfolg gekrönt. Der Widerstand gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens, insbesondere gegen die Startbahn West, bleibt aus Sicht des Verbandes eine schmerzhafte Niederlage. Jörg Nitsch, der damals stellvertretender Sprecher des Volksbegehrens war, erinnert sich an die Rodung von hunderten Hektar Wald und die Lärmbelastung. Trotz eines Volksbegehrens mit 220.000 Unterschriften und einer Verbandsklage konnte der Bau nicht verhindert werden. Nitsch betont ausdrücklich, dass der BUND keine Verbindung zu den gewaltsamen Ausschreitungen jener Zeit hatte, bei denen unter anderem Molotowcocktails geworfen wurden und zwei Polizisten starben. Der Fokus des BUND lag stets auf den juristischen und demokratischen Mitteln. Einen späteren Teilerfolg verbuchte der Verband jedoch 2009, als der Hessische Verwaltungsgerichtshof die Erlaubnis für Nachtflüge zwischen 23 und fünf Uhr kippte. Diese Ereignisse verdeutlichen die Spannungsfelder, in denen sich der BUND bewegt, wenn ökonomische Interessen auf ökologische Schutzziele treffen.

Aktuelle Herausforderungen und der Blick in die Zukunft

Die Arbeit des BUND Hessen ist auch nach 50 Jahren keineswegs abgeschlossen. Der Landesvorsitzende Jörg Nitsch sieht insbesondere im Bereich des Klimaschutzes dringenden Handlungsbedarf. Er zeigt sich besorgt darüber, dass sowohl die Landes- als auch die Bundespolitik die Folgen der Klimaveränderungen in Deutschland nur noch sträflich behandeln würden. Die Organisation sieht sich daher weiterhin in der Pflicht, als kritisches Korrektiv zu fungieren. Neben dem Klimaschutz bleiben die Auseinandersetzungen mit industriellen Akteuren wie K+S ein zentrales Thema, bei denen der BUND durch außergerichtliche Einigungen oft mehr für den Umweltschutz erreichen konnte als die zuständigen Genehmigungsbehörden. Offen bleibt, wie sich die politische Landschaft in Hessen weiterentwickeln wird und ob der BUND bei künftigen Projekten, etwa im Bereich der Energiewende oder des Flächenschutzes, erneut erfolgreich intervenieren kann. Die Geschichte des Verbandes zeigt jedoch, dass er über die Jahrzehnte hinweg eine unverzichtbare Rolle im hessischen Naturschutz eingenommen hat und auch in Zukunft eine aktive Rolle einfordern wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/quedlinburgs-historische-architektur-mit-strassenlaterne-32473921/ · Foto: Studio Lichtfang
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-akw-biblis-grube-messel-flughafen-wo-der-bund-in-hessen-seine-spuren-hinterlassen-hat-100.html