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COP 17 in Eriwan: Die unbequeme Wahrheit der Weltnaturkonferenz
Kultur · 01.11.2026 10:19

COP 17 in Eriwan: Die unbequeme Wahrheit der Weltnaturkonferenz

Kurz: Die COP 17 in Eriwan endete mit einem Kompromiss, der das Momentum von Montreal rettet, aber die tiefen Risse in der globalen Klimapolitik offenbart.

Ein dramatischer Abschluss in Eriwan

Die 17. UN-Biodiversitätskonferenz (COP 17) in Eriwan, Armenien, endete nach zehn zermürbenden Verhandlungsstunden in den frühen Morgenstunden eines Samstags mit einem Ergebnis, das Beobachter zwischen Erschöpfung und Erleichterung schwanken ließ. Während der COP-17-Präsident und armenische Umweltminister Hambardzum Matevosyan mit dem Hammer das Ende der Konferenz besiegelte, atmete das UN-Sekretariat für Biodiversität sichtlich auf. Die Konferenz stand kurz vor dem Abbruch, ähnlich wie es zwei Jahre zuvor bei einem früheren Treffen aufgrund von Verhandlungssackgassen und vorzeitig abreisenden Delegierten der Fall war. Dass es in Eriwan nicht zu einem solchen Eklat kam, lag an einer kurzfristigen, aber entscheidenden Wende in den letzten Stunden. In einer Ecke des Verhandlungssaals fanden sich Delegationen zusammen, die zuvor unüberbrückbare Positionen eingenommen hatten. Durch gegenseitige Zugeständnisse gelang es, das Scheitern abzuwenden und das gemeinsame Ziel, den Verlust von Ökosystemen und Arten auf der Erde zu stoppen, offiziell zu bekräftigen. Dennoch bleibt die Konferenz ein Sinnbild für die Schwierigkeit, globale ökologische Krisen in einer politisch fragmentierten Weltgemeinschaft kollektiv zu bewältigen.

Die Dynamik der Verhandlungen und ihre Akteure

Die Verhandlungen in Eriwan waren geprägt von einem zähen Ringen um Formulierungen, das die ohnehin als wenig verbindlich geltenden Texte weiter abschwächte. Besonders deutlich wurde dies durch Machtdemonstrationen, bei denen vor allem Russland eine prominente Rolle einnahm. Die Konferenz offenbarte, wie einzelne Staaten versuchen, die wissenschaftliche Basis des Weltnaturabkommens zu untergraben. Saudi-Arabien, Russland und Argentinien arbeiteten gezielt daran, die Bezugnahme auf die Berichte des Weltbiodiversitätsrats IPBES aus den Konferenzpapieren zu streichen. Diese Taktik ist aus Klimakonferenzen bekannt und zielt darauf ab, die wissenschaftliche Evidenz für die Dringlichkeit des Handelns zu schwächen. Zudem tauchten in den Dokumenten immer häufiger Klauseln auf, die Maßnahmen nur „entsprechend den nationalen Gegebenheiten“ forderten. Solche Formulierungen wirken wie hochgezogene Zugbrücken, die es einzelnen Staaten ermöglichen, sich der kollektiven Verantwortung zu entziehen. Die Arbeit der Delegierten war dabei von einer Gleichförmigkeit geprägt, die jedoch in scharfem Kontrast zur existenziellen Bedeutung der Themen stand, über die sie debattierten.

Die Rolle der indigenen Gemeinschaften

Ein zentraler Konfliktpunkt, der die Konferenz beinahe zum Einsturz gebracht hätte, betraf die Rolle der indigenen Völker und Gemeinschaften. Diese Gruppe, die seit langem für ihren bewahrenden Umgang mit der Natur bekannt ist, erhielt vor zwei Jahren ein eigenes Gremium unter dem Dach des UN-Biodiversitätssekretariats. In Eriwan entbrannte ein erbitterter Streit über die organisatorische Struktur, die Besetzung und die Eigenständigkeit dieses neuen Organs. Für viele Industrieländer ist es ein schwieriger Lernprozess, jenen Gruppen ein echtes Mitspracherecht einzuräumen, die sie historisch als rückständig einstuften. Dabei pflegen genau diese Gemeinschaften einen Umgang mit der Natur, zu dem die moderne Welt erst mühsam zurückfinden muss. Die Frage der Selbstbestimmung der indigenen Gruppen berührt tiefsitzendes Misstrauen, das durch jahrhundertelange Unterdrückung gewachsen ist. Dass ausgerechnet diese Gruppe zum Dreh- und Angelpunkt der diplomatischen Krise wurde, unterstreicht die Diskrepanz zwischen dem rhetorischen Bekenntnis zur Inklusion und der tatsächlichen Bereitschaft zur Machtabgabe in internationalen Entscheidungsprozessen.

Die Lücke zwischen Ambition und Realität

Die Konferenz stand unter dem Eindruck eines Berichts, der die eklatante Lücke zwischen den in Montreal 2022 formulierten Ambitionen und der tatsächlichen Umsetzung dokumentierte. Das Ziel, bis 2030 die Naturzerstörung zu stoppen, erscheint angesichts der aktuellen Entwicklungen in weiter Ferne. Ein wesentliches Problem ist die Finanzierung: Die COP 17 lieferte keine konkreten Antworten darauf, wie die notwendige finanzielle Unterstützung für den biodiversitätsreichen globalen Süden sichergestellt werden soll. Zudem blieb der Kreis der Geberländer unverändert, obwohl die Forderung laut wurde, Staaten wie China oder Saudi-Arabien stärker in die Pflicht zu nehmen. Auch beim Abbau naturschädlicher Subventionen, die weltweit in astronomischen Summen fließen, blieb die Konferenz vage und begnügte sich damit, die Länder lediglich zu „ermutigen“. Diese Zurückhaltung verdeutlicht, dass der Schutz der Natur in den meisten nationalen Politiken weiterhin als nachrangiges Ziel hinter wirtschaftlichen Interessen zurücksteht.

Systemische Veränderung und das Konzept des Mainstreaming

Das Abschlussdokument der Konferenz betont die Notwendigkeit des sogenannten „Mainstreaming“. Dies bedeutet, dass der Wert der Natur in allen Regierungsressorts, Branchen und Wirtschaftsbereichen erkannt, eingeplant und eingepreist werden muss. Dass dieser Weg noch weit ist, zeigte sich an der Zusammensetzung der Delegationen in Eriwan. Während Umweltminister zahlreich vertreten waren, wurden lediglich sechs Finanzminister gesichtet. Dies verdeutlicht, dass die systemische Veränderung, die für den Naturschutz erforderlich wäre, in den entscheidenden Schaltstellen der Wirtschaftspolitik noch nicht angekommen ist. Auch in Deutschland zeigt sich dieser Widerspruch: Während die Bundesregierung den Fonds zum Schutz der biologischen Vielfalt mit 50 Millionen Euro unterstützt, kämpft Umweltminister Carsten Schneider intern um ein Natürliche-Infrastruktur-Gesetz. Gleichzeitig hat das Europäische Parlament durch bürokratische Entlastungspakete Umweltauflagen geschwächt, was die Dokumentation und das Verständnis der Auswirkungen unternehmerischen Handelns auf die Natur erschwert.

Die unbequeme Wahrheit hinter den 30 Prozent

Die Konferenz in Eriwan hat ein grelles Licht auf eine unbequeme Wahrheit geworfen: Das oft zitierte Ziel, 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, reicht bei weitem nicht aus, um die Lebensgrundlagen der Menschheit zu sichern. Das eigentliche Problem liegt in den „indirekten Treibern“ der Zerstörung – also der Art und Weise, wie wir leben, produzieren und konsumieren. Diese systemischen Faktoren bleiben in den meisten politischen Debatten unberücksichtigt. Die Natur wird in den meisten Geschäftsmodellen nicht als notwendige Voraussetzung für das wirtschaftliche Überleben begriffen, sondern zunehmend als Störfaktor wahrgenommen. Diese Sichtweise ist in Industrieländern tief verwurzelt und führt dazu, dass notwendige ökologische Umsteuerungen als zu aufwendig oder ökonomisch schädlich abgelehnt werden. Die Konferenz hat zwar das Momentum von Montreal wiederbelebt, doch sie hat auch gezeigt, dass die Weltgemeinschaft noch weit davon entfernt ist, die grundlegenden Konsummuster infrage zu stellen, die das Artensterben vorantreiben.

Offene Fragen und ungeklärte Herausforderungen

Obwohl die Konferenz in Eriwan erfolgreich abgeschlossen wurde, bleiben zahlreiche kritische Fragen unbeantwortet. Es ist unklar, wie die Finanzierungslücke konkret geschlossen werden soll, ohne die der Naturschutz im globalen Süden kaum realisierbar ist. Ebenso bleibt offen, wie die Einbindung der indigenen Völker in der Praxis aussehen wird, wenn die organisatorischen Strukturen des neuen Gremiums erst noch mit Leben gefüllt werden müssen. Die Konferenz hat zudem keine Antwort auf die Frage gefunden, wie die Rolle der Wissenschaft gegen die gezielte Desinformation und Blockadepolitik einiger Staaten langfristig geschützt werden kann. Die Diskrepanz zwischen den vollmundigen Versprechen der Umweltminister und der tatsächlichen Politik der Finanzminister bleibt ein strukturelles Defizit, das die Wirksamkeit zukünftiger Abkommen infrage stellt. Es bleibt zudem abzuwarten, ob die „Ermutigungen“ zum Abbau naturschädlicher Subventionen irgendeine messbare Auswirkung auf die globalen Finanzströme haben werden oder ob sie lediglich symbolischer Natur bleiben.

Ausblick und die Zukunft des Naturschutzes

Wie es nach der COP 17 weitergeht, hängt maßgeblich davon ab, ob die Staaten den Geist des Abschlussdokuments in nationale Gesetzgebungen übersetzen können. Die Konferenz hat gezeigt, dass der Schutz der Biodiversität zunehmend als Sicherheitsrisiko begriffen wird – etwa durch Berichte, die den Verlust der biologischen Vielfalt als Bedrohung der nationalen Sicherheit einstufen, wie es in Großbritannien der Fall war. Dieser Perspektivwechsel könnte in Zukunft dazu beitragen, den Naturschutz aus der Nische der Umweltpolitik in den Fokus der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik zu rücken. Dennoch bleibt die Gefahr bestehen, dass die Weltgemeinschaft weiterhin wie ein Autofahrer agiert, der zwar das Tempo drosselt, wenn er vor einer Wand gewarnt wird, aber dennoch nicht bereit ist, die Richtung zu ändern. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das in Eriwan bekräftigte Ziel, den Verlust von Ökosystemen aufzuhalten, mehr als nur ein diplomatischer Erfolg auf dem Papier ist. Die Zeit drängt, und die Konferenz hat deutlich gemacht, dass die ökologische Wand, auf die die globale Wirtschaft zusteuert, immer näher rückt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/moderne-architektonische-wunder-unter-bewolkten-himmel-28584398/ · Foto: Helin Gezer
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/was-der-weltnaturkonferenz-in-eriwan-gelungen-ist-accg-201640362.html