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Sven Regeners neuer Roman: Ja, ist denn heute schon Weihnachten?
Kultur · 24.10.2026 20:00

Sven Regeners neuer Roman: Ja, ist denn heute schon Weihnachten?

Kurz: Sven Regener kehrt mit seinem fünften Berlin-Roman zurück. In „Frankie und Freddie“ entfaltet sich ein präzises Porträt des Westberlins kurz vor Weihnachten 198

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Der Schriftsteller Sven Regener hat mit seinem neuesten Werk „Frankie und Freddie“ den fünften Band seiner umfangreichen Berlin-Romanreihe vorgelegt, die mittlerweile insgesamt sieben Titel aus dem sogenannten Lehmann-Kosmos umfasst. Die Handlung des Buches ist zeitlich präzise eingegrenzt: Sie spielt an einem einzigen Tag, dem 23. Dezember 1980, einem Dienstag unmittelbar vor dem Weihnachtsfest. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Frank „Frankie“ Lehmann, der vor Kurzem von Bremen nach Berlin übergesiedelt ist. Sein Vorhaben ist es, seinen älteren Bruder Manfred, genannt Freddie, aus einer Einrichtung am Kurfürstendamm abzuholen. Freddie hatte sich dort als Versuchsperson für psychopharmakologische Studien etwas Geld verdient. Die einfache Aufgabe der Abholung entwickelt sich jedoch zu einem komplizierten Unterfangen, da es an einem fahrbaren Untersatz, an Benzin und vor allem an einer klaren Kommunikation zwischen den beteiligten Personen mangelt. Der Roman zeichnet sich durch eine verfeinerte erzählerische Technik aus, bei der die Dialoge der Figuren den Kern der Handlung bilden und die Atmosphäre des damaligen Westberlins aufleben lassen.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen, Orte und Zitate

Der Roman, der im Verlag Galiani Berlin erschienen ist, umfasst 276 Seiten und ist zum Preis von 24 Euro erhältlich. Die Handlung ist lokal extrem genau verortet; die Leser finden sich in einem Berlin wieder, das durch akribisch beschriebene Straßen und U-Bahn-Stationen besticht. Zu den zentralen Figuren gehören neben den Brüdern Frankie und Freddie auch bekannte Charaktere aus dem Umfeld des Kreuzberger Café Einfall und der Arsch-Art-Galerie. Dazu zählen etwa Karl Schmidt, der mit einer Kastenente Schneeräumdienste verrichtet, sowie die Kunstscharlatane H. R. Ledigt und Artsy Fartsy. Auch Chrissie, die Mutter von Chrissie, der Vermieter Erwin und dessen Schwester Kerstin treten auf. Ein zentraler Konflikt entzündet sich an der Tasche von Freddie, die wichtige Unterlagen für ein New Yorker Kunststipendium enthält und versehentlich von Artsy Fartsy mitgenommen wurde. Zudem reagiert Freddie auf die Nachricht vom Mord an John Lennon mit Tränen, was seine seelische Labilität unterstreicht. Die sprachliche Gestaltung verzichtet auf theoretische Überbauten und setzt stattdessen auf einen alltagsnahen Duktus, der durch lange, parataktische Sätze geprägt ist.

Hintergrund – Vorgeschichte und bisheriger Verlauf

Chronologisch betrachtet schließt „Frankie und Freddie“ direkt an die Ereignisse von „Der kleine Bruder“ aus dem Jahr 2008 und „Wiener Straße“ von 2017 an. Damit ordnet sich das Werk zeitlich vor dem Roman „Herr Lehmann“ ein, mit dem Regener im Jahr 2001 den Grundstein für seine erfolgreiche Reihe legte. Die Reihe gilt als eine der geschlossensten Erzählungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Figuren, die den Leser durch diesen Kosmos begleiten, sind fast durchweg Zugezogene, für die Berlin eine geistige Lebensform darstellt. Der aktuelle Roman greift dabei auf ein vertrautes Personal zurück, das den Lesern aus den vorangegangenen Büchern bereits bekannt ist. Die Entwicklung der Charaktere, insbesondere das komplexe Verhältnis zwischen den beiden Brüdern, wird hierbei vertieft. Frankie, der Jüngere, empfindet Freddie seit jeher als einen Angeber, während die gemeinsame Vergangenheit in Bremen und die spätere Trennung durch Frankies Umzug nach Berlin die emotionale Basis der Geschichte bilden.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum stehen Frank und Manfred Lehmann. Während Frank erst kürzlich aus Bremen in die Hauptstadt kam, ist Manfred bereits länger in Berlin ansässig und zeigt deutliche Anzeichen einer psychischen Labilität, die durch den Konsum von Psychopharmaka und die Nachricht vom Tod John Lennons verstärkt wird. Das soziale Umfeld der Brüder besteht aus einer Bohème-Szene, die sich rund um das Café Einfall und die Arsch-Art-Galerie bewegt. Hier agieren Figuren wie Karl Schmidt, H. R. Ledigt und Artsy Fartsy. Auch die Familie spielt eine Rolle, insbesondere Mutter Lehmann, die aus Bremen mehrfach in der WG anruft. Die Institutionen, die im Text Erwähnung finden, sind neben der Forschungseinrichtung am Kurfürstendamm vor allem die Apotheken, in denen Frankie versucht, Medikamente für Chrissie zu besorgen, sowie das Katasteramt, das als Metapher für die Genauigkeit der Ortsbeschreibungen im Roman dient.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist das Werk als eine tiefgreifende, wenn auch melancholische Bestandsaufnahme des geteilten Berlins im Jahr 1980. Den Berichten zufolge gelingt es Regener, durch die „Berlin-Soziologie“ der Figuren ein kritisches Bild der Stadt zu zeichnen. Die Stadt erscheint als ein Ort, an dem die Häuser verfallen und die wirtschaftliche Lage prekär ist. Die Kritik richtet sich sowohl gegen die politische Führung, die sich auf den Autobahnbau konzentriert, als auch gegen Punks und Hippies, denen eine gewisse Herzlosigkeit und Realitätsflucht vorgeworfen wird. Der Roman ist dabei polyphon angelegt; die geäußerten Ansichten sind als Rollenprosa zu verstehen und nicht zwingend als direkte Autorenmeinung. Dennoch schwingt in den Beobachtungen eine Skepsis gegenüber utopischen Idealen mit. Die Erzählung entlarvt den Wunsch nach Ambitionslosigkeit als Trugschluss, da letztlich jeder – selbst der „letzte Freak“ – nach einer Form von Bedeutung strebt. Die Sprache des Romans ist dabei kunstvoll realitätsnah und vermeidet gekünstelte Äußerungen.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte der Handlung bewusst offen oder deutet sie nur vage an. So bleibt etwa unklar, inwieweit Freddies emotionale Ausbrüche und seine Tränen beim Hören der Nachricht vom Mord an John Lennon tatsächlich eine direkte Reaktion auf das Ereignis sind oder ob sie durch die eingenommenen Psychopharmaka in der Einrichtung am Kurfürstendamm verstärkt wurden. Auch der Verbleib der Tasche mit den Unterlagen für das New Yorker Kunststipendium wird als Suchbewegung skizziert, ohne dass der Leser im Voraus erfährt, wie die Konfrontation mit Artsy Fartsy ausgeht. Ebenso bleibt die endgültige Entwicklung der spröden Liebesgeschichte zwischen Frankie und Chrissie im Dunkeln, da sie kaum ans Tageslicht tritt. Auch die Frage, ob die Mutter Lehmann ihre Söhne tatsächlich explizit nach Hause einlädt oder ob die Brüder den Weg nach Bremen antreten, wird nicht abschließend geklärt, sondern als emotionale Spannung im Raum stehen gelassen.

Wie es weitergeht – Ankündigungen und Termine

Der Roman ist bereits im Handel erhältlich und markiert einen weiteren Meilenstein in der Lehmann-Reihe. Da es sich um den fünften Band einer bereits sieben Bände umfassenden Historie handelt, deutet der Text darauf hin, dass die Reihe noch lange nicht an ihr Ende gekommen ist. Für den Leser ergeben sich keine konkreten Termine für eine Fortsetzung, doch die Erzählweise legt nahe, dass der „Lehmann-Kosmos“ auch in Zukunft weiter ausgebaut werden könnte. Der Rezensent verweist zudem auf die nahende Weihnachtszeit in der realen Welt und empfiehlt das Buch als Lektüre für die Feiertage. Es gibt keine Informationen über geplante Verfilmungen oder weitere mediale Adaptionen des Stoffes im vorliegenden Text. Die Leser sind dazu eingeladen, die Entwicklung der Charaktere in den bereits erschienenen Bänden weiter zu verfolgen oder sich in die spezifische Atmosphäre des Westberliner Winters von 1980 einzulesen, die Regener in diesem Werk so präzise eingefangen hat.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-museum-stadte-moderne-architektur-13671764/ · Foto: Ludvig Hedenborg
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/sven-regeners-neuer-berlin-roman-frankie-und-freddie-201311383.html