Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich
Auf dem jüngsten TI-Summit, einer zentralen Veranstaltung rund um die Telematikinfrastruktur (TI), hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) seine Strategie für die kommenden Jahre der Gesundheitsdigitalisierung dargelegt. Philipp Müller, Abteilungsleiter für Digitalisierung und Innovation im BMG, nutzte die Bühne, um nicht nur eine Bilanz der bisherigen Fortschritte zu ziehen, sondern auch den Kurs für die nächsten technologischen Meilensteine zu skizzieren. Im Zentrum der Bemühungen stehen die elektronische Patientenakte (ePA), die verbesserte Nutzung von Gesundheitsdaten für Forschungszwecke sowie eine deutlich stabilere technische Infrastruktur. Das Ministerium strebt dabei an, die Telematikinfrastruktur als stabiles Rückgrat des Gesundheitswesens zu etablieren, um den Übergang von papierbasierten Prozessen hin zu einer vollumfänglichen digitalen Versorgung zu vollziehen. Dabei betonte Müller, dass die bloße Digitalisierung bestehender Abläufe nicht ausreiche; vielmehr müsse das System grundlegend neu gedacht werden, um einen spürbaren Mehrwert für Versicherte, Ärzte und Apotheker zu schaffen. Die Veranstaltung verdeutlichte den Anspruch des BMG, Deutschland im internationalen Vergleich als Standort für medizinische Dateninnovationen zu positionieren, während gleichzeitig die Herausforderungen bei der technischen Umsetzung und der Akzeptanz durch die Nutzer adressiert wurden.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Fakten
Die Bilanz der bisherigen Digitalisierungsbemühungen ist laut Philipp Müller beeindruckend: In Deutschland wurden bereits 73 Millionen elektronische Patientenakten (ePA) angelegt. Zudem wurden rund 42 Millionen elektronische Medikationslisten geöffnet und etwa 1,6 Milliarden E-Rezepte erfolgreich übermittelt. Auch bei den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) verzeichnet das System mit über 500 Millionen Übermittlungen eine hohe Akzeptanz. Für die Zukunft plant das BMG mit dem Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) den nächsten großen Schritt. Ein zentrales Element ist dabei das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ), in dem künftig Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherungen mit Genom- und Krebsregisterdaten verknüpft werden sollen. Ab Oktober dieses Jahres soll theoretisch die Ausleitung von ePA-Daten an das FDZ ermöglicht werden, wobei die Krankenkassen ihre Versicherten sechs Wochen im Voraus informieren müssen. Erste Daten aus der elektronischen Medikationsliste werden voraussichtlich Anfang 2027 im FDZ verfügbar sein. Im Bereich der Kommunikation zwischen Leistungserbringern verzeichnete der Dienst KIM im August erstmals über eine Million Nachrichten. Auch die Cybersicherheit rückt in den Fokus: Das BMG plant ein Förderprogramm zur Unterstützung von Kliniken, Laboren und großen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), um die Anforderungen der NIS2-Richtlinie zu erfüllen, die seit dem 6. Dezember 2025 in Deutschland gilt.
Hintergrund – Der Weg zur digitalen Infrastruktur
Die Entwicklung der Telematikinfrastruktur hat in den vergangenen Jahren eine wechselvolle Geschichte durchlaufen. Ursprünglich als geschlossenes System für den sicheren Datenaustausch konzipiert, steht sie heute vor der Herausforderung, sich für moderne Anwendungen und eine breitere Datennutzung zu öffnen. Das BMG betrachtet die TI als „Lebensader“ des Gesundheitswesens, deren Stabilität bisher jedoch immer wieder in der Kritik stand. Die Gematik, als zentrale Instanz für die Spezifikationen und die Infrastruktur, steht unter Druck, die Zuverlässigkeit der Dienste zu erhöhen. Ein wesentlicher Punkt in der Vorgeschichte ist die Erkenntnis, dass die bloße Überführung von Papierprozessen in digitale Formate – wie etwa bei der E-Überweisung – nicht ausreicht. Daher wurde der Plan gefasst, Prozesse wie die digitale Ersteinschätzung und Terminvermittlung als „Dreiklang“ neu zu gestalten. Die bisherige Entwicklung war geprägt von langwierigen Implementierungsphasen und einer teils zögerlichen Annahme durch die Leistungserbringer. Mit dem neuen Fokus auf das Forschungsdatenzentrum und die Verknüpfung komplexer Datensätze soll nun der „Datenschatz“, von dem bereits der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach sprach, endlich gehoben werden, um sowohl der Industrie als auch der Wissenschaft und den Krankenkassen neue Erkenntnisse zu ermöglichen.
Die Beteiligten – Institutionen und Akteure
Die Gestaltung der Gesundheitsdigitalisierung ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Akteure. Aufseiten des Bundesgesundheitsministeriums treibt Philipp Müller als Abteilungsleiter für Digitalisierung und Innovation die Projekte voran. Die Gematik, geleitet von Florian Fuhrmann, fungiert als technischer Umsetzer und Architekt der TI. In der Diskussion um die Ausrichtung der Infrastruktur spielen zudem Verbände wie der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) eine wichtige Rolle, der durch ein Gutachten auf kartell- und vergaberechtliche Risiken beim geplanten Umbau der TI hingewiesen hat. Auch der Datenschutz nimmt eine zentrale Stellung ein: Nach dem Ausscheiden von Louisa Specht-Riemenschneider ist seit dem 1. Oktober Moritz Hennemann als neuer Bundesdatenschutzbeauftragter ein entscheidender Partner für das Ministerium. Er und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bilden die Kontrollinstanzen, die über die Einhaltung der Sicherheitsstandards wachen. Die Krankenkassen sind als Datentreuhänder und Informationsvermittler gegenüber den Versicherten direkt in den Prozess der Datenausleitung zum Forschungsdatenzentrum eingebunden. Nicht zuletzt sind die Leistungserbringer – Ärzte, Apotheker und Kliniken – die Anwender, deren Arbeitsalltag durch die neuen digitalen Werkzeuge maßgeblich beeinflusst werden soll.
Einordnung – Die Bedeutung der Entwicklungen
Die aktuellen Bestrebungen des BMG sind als Versuch zu werten, die digitale Transformation des Gesundheitswesens von einem rein administrativen Projekt zu einer echten datengestützten Infrastruktur zu wandeln. Einzuordnen ist das so: Das Ministerium versucht, den Spagat zwischen strengem Datenschutz und dem Wunsch nach medizinischem Fortschritt durch Datenanalyse zu meistern. Die Kritik des bvitg, dass der Umbau der TI-Struktur Risiken berge und die Stabilität nicht zwangsläufig verbessere, zeigt die Spannungen zwischen staatlicher Steuerung und privatwirtschaftlichem Wettbewerb. Den Berichten zufolge ist das „Orchester-Bild“, das sowohl Müller als auch Fuhrmann bemühten, ein treffendes Symbol für die aktuelle Situation: Verschiedene Akteure versuchen, ihre eigenen Interessen und technologischen Ansätze in einem gemeinsamen System zu harmonisieren. Dass die Gematik künftig mehr Verantwortung bei der Abwehr von Cyberangriffen übernehmen soll, unterstreicht die wachsende Bedeutung der Sicherheit in einer vernetzten Gesundheitswelt. Die Einordnung der NIS2-Richtlinie verdeutlicht zudem, dass der Gesetzgeber den Druck auf die Akteure erhöht, um die Resilienz des gesamten Sektors gegen die zunehmende Bedrohung durch Cyberkriminalität zu stärken.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht klärt
Trotz der detaillierten Ausführungen auf dem TI-Summit bleiben wesentliche Fragen unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, wie genau die Finanzierung des geplanten Förderprogramms zur Cybersicherheit, das über die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse finanziert werden soll, in der Praxis ausgestaltet wird und wann die Konzeptionsphase abgeschlossen sein wird. Zudem bleibt unklar, wie die praktische Umsetzung der ePA-Datenausleitung an das Forschungsdatenzentrum ab Oktober 2025 tatsächlich verlaufen wird, da der Abteilungsleiter selbst einräumte, dass dies zunächst nur theoretisch möglich sei. Auch die konkreten Auswirkungen auf die Stabilität der Telematikinfrastruktur durch die geplante Bündelung von Fachdiensten auf einer gemeinsamen Plattform werden nicht abschließend belegt; die Kritik, dass die bisherige Zentralisierung keine signifikante Verbesserung der Ausfallraten gebracht habe, bleibt im Raum stehen. Ebenso wird nicht detailliert erläutert, wie der „Dreiklang“ aus E-Überweisung, Ersteinschätzung und Terminvermittlung technisch sichergestellt werden soll, ohne die ärztliche Autonomie oder die Arbeitsabläufe in den Praxen zu überlasten. Die „Eine-Million-Euro-Frage“, wie das Vertrauen der Versicherten in diese sensiblen Prozesse nachhaltig gestärkt werden kann, bleibt trotz der Diskussionen eine offene Herausforderung.
Wie es weitergeht – Angekündigte Schritte
Der Fahrplan für die kommenden Jahre ist eng getaktet. Der Bundestag wird in Kürze in erster Lesung über den Entwurf des Gesetzes für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) beraten. Ein wesentlicher Meilenstein ist der September 2028, ab dem die E-Überweisung nach einer Pilotphase verbindlich eingeführt werden soll, wobei dieser Prozess bis September 2029 abgeschlossen sein muss. Krankenkassen bereiten sich darauf vor, ihre Versicherten ab Ende Oktober über die Möglichkeiten der Datenausleitung an das Forschungsdatenzentrum zu informieren. Für Anfang 2027 ist der Zugriff auf die ersten ePA-Daten, beginnend mit der elektronischen Medikationsliste, im Forschungsdatenzentrum geplant. Parallel dazu wird die Konzeption des Förderprogramms zur Cybersicherheit vorangetrieben, um Kliniken und MVZ bei der Umsetzung der NIS2-Vorgaben zu unterstützen. Die Gematik wird zudem die Ausschreibungen für die Entwicklung und den Betrieb der zentralen Plattform-Bausteine vorbereiten, um den Wettbewerb neu zu organisieren. Der Austausch mit dem neuen Bundesdatenschutzbeauftragten und dem BSI wird fortgesetzt, insbesondere im Hinblick auf die Nutzung von Geräten mit Android 13 in der TI, was eine kontinuierliche Anpassung der technischen Spezifikationen erfordert.