Was geschehen ist: Die Weitergabe von Nutzerdaten durch KI-Systeme
Ein erschreckendes Licht auf den Datenschutz im Bereich der Künstlichen Intelligenz wirft eine aktuelle Untersuchung des spanischen Forschungsinstituts Imdea Networks. Wie aus den Ergebnissen hervorgeht, praktizieren zahlreiche bekannte KI-Chatbots eine Praxis, die bei vielen Nutzern für Unbehagen sorgen dürfte: Sie leiten Informationen aus privaten Dialogen an externe Tracking- und Werbedienste weiter. Die Untersuchung, über die unter anderem Netzpolitik.org berichtete, nahm insgesamt neun populäre KI-Dienste unter die Lupe. Dabei stellte sich heraus, dass zwei Drittel der untersuchten Webversionen dieser Chatbots Daten an Dritte übermitteln, sobald Nutzer mit ihnen interagieren. Diese Datenflüsse umfassen nicht nur einfache Metadaten, sondern in einigen Fällen auch sensible Inhalte wie Chat-Titel, spezifische Prompts und sogar Screenshots. Die betroffenen Dienste agieren dabei oft als Schnittstellen, die Informationen an große Tech-Konzerne wie Google, Meta oder TikTok weiterreichen. Die Tragweite dieser Enthüllungen ist erheblich, da sie das Vertrauen in die Vertraulichkeit von KI-gestützten Konversationen fundamental in Frage stellt. Während Nutzer oft davon ausgehen, in einem geschlossenen Raum mit einer Maschine zu kommunizieren, zeigt sich nun, dass diese Räume durchlässig für die Werbeindustrie sind.
Die Einzelheiten: Wer, was und wie die Daten abfließen
Die Forscher von Imdea Networks führten ihre Tests im Mai 2026 in Spanien durch. Untersucht wurden die Webversionen von neun Diensten: ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity, Grok, Mistral AI, Meta AI, Deepseek und Microsoft Copilot. Zusätzlich wurden die Android-Apps von acht dieser Anbieter einer Prüfung unterzogen. Die Ergebnisse sind differenziert: Während bei den Webanwendungen sechs von neun Diensten Daten weitergaben, betraf dies bei den mobilen Apps drei von acht. Besonders auffällig ist die Praxis bei Grok: Hier werden nach der Zustimmung zu nicht notwendigen Cookies Titel und Links von Chats an sieben verschiedene Werbe- und Analysedienste übermittelt, darunter Schwergewichte wie Meta, TikTok und Google. Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Datensammlung: Grok generierte aus einer Anfrage zu einer Hypothek bei einem Gehalt von 85.000 US-Dollar den Titel „$85k NYC Salary: $280k-$350k Mortgage“. ChatGPT und Claude übermittelten zwar keine Titel, leiteten jedoch Chat-Links und Kennungen an Dienste wie Datadog und Intercom weiter. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Übermittlung von Chat-Links besonders kritisch ist, da diese standardmäßig öffentlich abrufbar sind, sofern der Nutzer diese Einstellung nicht manuell deaktiviert. Bei Grok wurden durch solche Links sogar 70 Abrufe von 70 unterschiedlichen IP-Adressen aus 14 Ländern registriert, teilweise Tage nach dem ursprünglichen Gespräch.
Hintergrund: Der Weg zur Datensammlung
Die Praxis der Datenweitergabe ist kein Zufallsprodukt, sondern tief in die Geschäftsmodelle der modernen Web-Infrastruktur integriert. Die Forscher betonen, dass Dienste wie Datadog oder Intercom zwar primär der Fehlerüberwachung oder dem technischen Support dienen können, ihre Einbindung jedoch zwangsläufig Datenflüsse an Dritte ermöglicht. Die Untersuchung zeigt zudem, dass die Ablehnung von Cookies nur einen begrenzten Schutz bietet. Bei vier der neun untersuchten kostenlosen Dienste sammeln Tracker auch dann weiterhin Daten, wenn der Nutzer explizit alle nicht notwendigen Cookies ablehnt. Ein Beispiel hierfür ist Claude, wo die Ablehnung zwar den Meta-Pixel blockierte, andere Tracking-Mechanismen jedoch aktiv blieben. Ein wesentlicher Aspekt ist zudem die Unterscheidung zwischen kostenlosen und kostenpflichtigen Konten: Die Studie stellt fest, dass es hierbei kaum Unterschiede im Hinblick auf die Datenweitergabe gibt. Auch zahlende Nutzer sind somit nicht vor derartigen Praktiken gefeit. Die technologische Architektur der Chatbots ist demnach so gestaltet, dass sie nahtlos mit dem Ökosystem der Werbeindustrie kommuniziert, was die Privatsphäre der Nutzer systematisch untergräbt.
Die Beteiligten: Wer entscheidet und wer sich äußert
Die Akteure in diesem Szenario sind vielfältig. Auf der einen Seite stehen die Forscher von Imdea Networks, die das Fehlverhalten aufdeckten und im April 2026 die Datenschutzbehörden in der EU und Großbritannien informierten. Auf der anderen Seite stehen die KI-Anbieter selbst. Google, der Betreiber von Gemini, rechtfertigt die Datenübermittlung mit dem Zweck der Leistungsüberwachung durch Google Analytics. Andere Anbieter wie xAI (Grok), Mistral und Perplexity reagierten auf die Anfragen der Journalisten von Netzpolitik.org nicht. Die Rolle der Aufsichtsbehörden ist ebenfalls zentral: Datenschützer aus Berlin und Hamburg äußerten sich bereits kritisch gegenüber Notebookcheck und warnten davor, dass Unternehmen wie OpenAI in Zukunft verstärkt Chat-Verläufe und persönliche Erinnerungen für die Ausspielung personalisierter Anzeigen nutzen könnten. Dass dies keine bloße Vermutung ist, zeigt der Blick auf ChatGPT: Seit dem 24. August 2026 zeigt der Dienst in Deutschland Werbung an, die bislang auf den aktuellen Chat-Inhalt abgestimmt ist. Diese Entwicklung verdeutlicht den Druck auf die Anbieter, ihre kostenlosen Dienste durch gezielte Werbung zu monetarisieren.
Einordnung: Was die Praxis für Nutzer bedeutet
Einzuordnen ist das Verhalten der Chatbot-Anbieter als eine Ausweitung der bekannten Tracking-Mechanismen des Internets auf den Bereich der generativen KI. Den Berichten zufolge ist die Grenze zwischen einem privaten KI-Assistenten und einem Werbeträger zunehmend verschwommen. Die Tatsache, dass Chat-Links standardmäßig öffentlich geschaltet sind und von Dritten wie TikTok oder Meta eingesehen werden können, stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wenn ein Chatbot automatisch Titel generiert, die sensible finanzielle oder persönliche Informationen enthalten, und diese dann an Werbenetzwerke weitergibt, findet eine Profilbildung statt, die weit über das hinausgeht, was Nutzer bei einer einfachen Suchanfrage erwarten würden. Die Einordnung der Forscher legt nahe, dass die Transparenz der Anbieter mangelhaft ist. Die Nutzer wiegen sich in Sicherheit, während im Hintergrund eine detaillierte Auswertung ihrer Interessen und Lebensumstände stattfindet. Dass selbst die Ablehnung von Cookies bei vielen Diensten wirkungslos bleibt, unterstreicht die Notwendigkeit einer stärkeren regulatorischen Aufsicht durch die zuständigen Behörden, da die Selbstregulierung der Tech-Giganten hier offensichtlich versagt.
Offene Fragen: Was die Studie nicht beantwortet
Obwohl die Studie von Imdea Networks detaillierte Einblicke in die Datenströme gewährt, bleiben einige Fragen unbeantwortet. So ist unklar, inwieweit die weitergegebenen Daten tatsächlich zur dauerhaften Erstellung von Nutzerprofilen genutzt werden, die über die reine Ausspielung von Werbung hinausgehen. Die Studie liefert zwar Belege für die Übermittlung von Inhalten, doch der genaue Verwendungszweck der Daten in den Datenbanken von Meta, Google oder TikTok bleibt für Außenstehende eine Blackbox. Zudem bleibt offen, wie effektiv die von den Datenschützern in Berlin und Hamburg geforderten Maßnahmen gegen die Unternehmen durchgesetzt werden können. Es wird nicht explizit geklärt, welche technischen Hürden die Anbieter überwinden müssten, um die Datenweitergabe vollständig zu unterbinden, ohne die Funktionalität der Dienste, etwa für den Support, zu gefährden. Auch die Frage, ob Nutzer in anderen Rechtsräumen außerhalb der EU oder Großbritanniens noch stärkeren Datenerfassungen ausgesetzt sind, wird durch die auf Spanien fokussierte Untersuchung nicht abschließend geklärt.
Wie es weitergeht: Ausstehende Entscheidungen und Termine
Die Situation bleibt dynamisch. Nachdem die Forscher im April 2026 die Datenschutzbehörden informiert haben, steht nun die Reaktion der Regulierungsbehörden aus. Bisher gibt es keine Anzeichen für ein sofortiges Einlenken der betroffenen Unternehmen, insbesondere bei xAI, wo die Grok-Chats selbst Monate nach der ersten Kontaktaufnahme noch öffentlich abrufbar waren. Nutzer müssen sich darauf einstellen, dass die Personalisierung von Werbung innerhalb der Chat-Interfaces weiter zunehmen wird, wie es bei ChatGPT bereits der Fall ist. Es ist davon auszugehen, dass die Diskussion um die Nutzung von Chat-Verläufen für Werbezwecke in den kommenden Monaten an Schärfe gewinnen wird, insbesondere wenn weitere Datenschutzbehörden ihre Untersuchungen abschließen. Ob und wann die Anbieter ihre Standardeinstellungen – etwa bezüglich der öffentlichen Sichtbarkeit von Chat-Links – anpassen werden, bleibt abzuwarten. Die Branche steht unter Beobachtung, doch bis zu einer verbindlichen Regulierung oder einer Änderung der Geschäftsmodelle bleibt die Privatsphäre der Nutzer in den KI-Chatbots weiterhin gefährdet.