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Kommentar: Photoshop per KI nachgebaut – Kopieren ist billig, Entscheiden nicht
Technik · 28.10.2026 08:04

Kommentar: Photoshop per KI nachgebaut – Kopieren ist billig, Entscheiden nicht

Kurz: Ein Entwickler baut Photoshop mit KI nach und verkündet das Ende der Softwareentwicklung. Golo Roden analysiert, warum das eine gefährliche Fehleinschätzung ist

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Anfang Oktober sorgte der Entwickler Brandon Thomas für Aufsehen in der Technologiebranche, als er unter dem Projektnamen ArtCraft eine Reihe von Programmen veröffentlichte. Dabei handelt es sich um Nachbildungen bekannter Softwarelösungen von Adobe, darunter Anwendungen wie Photoshop, Lightroom und Premiere Pro. Insgesamt umfasst das Projekt mittlerweile 13 verschiedene Applikationen. Der Code für diese Programme wurde maßgeblich durch Claude Opus 5.5 generiert, das aktuelle Spitzenmodell von Anthropic, und in der Programmiersprache Rust verfasst. Besonders der Photoshop-Nachbau mit dem Namen PhotoCraft erregte auf der Plattform GitHub großes Interesse und sammelte innerhalb weniger Tage Zehntausende Sterne. Brandon Thomas begleitete die Veröffentlichung mit der provokanten These „Software is over“, die in der Folgezeit intensiv in der Fachpresse diskutiert wurde. Die Aussage impliziert, dass durch den Einsatz von KI-gestützten Coding-Agenten die klassische Softwareentwicklung in ihrer bisherigen Form obsolet geworden sei, da eine einzelne Person mittels KI komplexe Standardsoftware nachbauen könne. Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen zur Zukunft der Branche und zur Rolle menschlicher Entwickler auf.

Die Einzelheiten des Projekts

Das Projekt ArtCraft versteht sich laut seiner eigenen Dokumentation als eine quelloffene „Clean-Room-Neuimplementierung“. Dies bedeutet, dass die Software ohne direkten Zugriff auf den proprietären Quellcode der Adobe-Originale entstanden sein soll. Stattdessen dienten öffentliche Spezifikationen und die Beobachtung des Verhaltens der Originalsoftware als Grundlage. Um die Qualität zu sichern, nutzt das Projekt mehr als 1700 automatisierte Tests. Ein Teil dieser Tests führt einen direkten Vergleich durch: Das Programm rendert eine Datei und gleicht das Ergebnis unmittelbar mit dem Bild ab, das Photoshop mit derselben Datei erzeugt. Der Entwickler Brandon Thomas kündigte zunächst an, innerhalb eines Monats eine vollständige Funktionsgleichheit mit den Adobe-Programmen zu erreichen. Später korrigierte er diese Einschätzung auf der Plattform Hacker News und räumte ein, dass das Erreichen von 99 Prozent der Funktionalität eher Monate als Wochen in Anspruch nehmen werde. Das Fachmagazin DOCMA stellte diese Aussagen dem internen Fahrplan des Projekts gegenüber und wies auf die Diskrepanz zwischen den vollmundigen Ankündigungen und der tatsächlichen zeitlichen Planung hin. Mitte Oktober waren bereits etwa 2400 Commits im Repository verzeichnet.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Die Debatte über das Ende der klassischen Softwareentwicklung durch KI-Agenten ist kein neues Phänomen, sondern flackert seit dem Aufkommen solcher Werkzeuge regelmäßig auf. Brandon Thomas gab als persönlichen Beweggrund für sein Projekt an, dass er sich wiederholt über die Kündigungsgebühren von Adobe geärgert habe. Dieses Motiv findet in der Community durchaus Verständnis, da viele Nutzer mit den Preismodellen großer Softwareanbieter unzufrieden sind. Dennoch ist die technische Einordnung des Projekts komplexer, als der Slogan „Software is over“ vermuten lässt. Die README-Datei von PhotoCraft räumt selbst ein, dass die Software derzeit noch kein vollwertiger Ersatz für den professionellen Alltag darstellt. Die bloße Verbindung eines Menüpunkts mit einem Befehl messe lediglich die technische Verdrahtung, nicht jedoch die tatsächliche Qualität des Verhaltens. Die Paritätsbewertung des Projekts schätzte Mitte Oktober, dass PhotoCraft zu etwa 45 Prozent für echte Arbeit taugt. Die Entwickler veranschlagen zudem weitere 2300 bis 4100 Stunden an Agentenarbeit, um eine vollständige Gleichwertigkeit mit dem Original zu erreichen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Weg zur professionellen Nutzbarkeit noch weit ist.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum der Debatte steht der Entwickler Brandon Thomas, der das Projekt ArtCraft initiiert und die These vom Ende der Softwareentwicklung geprägt hat. Er nutzt für die Implementierung das KI-Modell Claude Opus 5.5 von Anthropic. Der Autor des Kommentars, Golo Roden, ist Gründer und CTO der the native web GmbH. Er befasst sich beruflich intensiv mit der Konzeption von Web- und Cloud-Anwendungen sowie verteilten Architekturen. Roden tritt als Kritiker der „Software is over“-These auf und betont die Bedeutung fachlicher Entscheidungen in der Softwareentwicklung. Weitere Akteure sind die Fachpresse, darunter das Magazin DOCMA, das die Aussagen von Thomas einer kritischen Prüfung unterzog und die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Realität aufzeigte. Zudem ist die Community auf Plattformen wie Reddit und Hacker News beteiligt, wo die Thesen von Thomas intensiv diskutiert werden. Adobe als Hersteller der Originalsoftware fungiert als Referenzpunkt, an dem sich der Erfolg des Nachbaus messen lassen muss, ohne jedoch aktiv in den Entwicklungsprozess von ArtCraft eingebunden zu sein.

Einordnung der Entwicklung

Einzuordnen ist das Projekt als ein interessanter, aber spezifischer Anwendungsfall für KI-Agenten. Golo Roden argumentiert, dass Agenten dort besonders stark sind, wo sich Ergebnisse deterministisch prüfen lassen – etwa durch eine umfangreiche Testsuite oder einen strengen Compiler wie in Rust. Photoshop stellt hierbei einen Idealfall dar, da die Software seit 1990 existiert, ihr Verhalten in jeder Situation beobachtbar ist und das Dateiformat öffentlich spezifiziert wurde. Es gibt ein klares Ziel, das bereits existiert. Wer unter diesen Bedingungen arbeitet, muss nicht entscheiden, was „richtig“ ist, sondern lediglich prüfen, ob das Ergebnis mit dem Original übereinstimmt. Diese Aufgabe lässt sich hervorragend automatisieren. Den Berichten zufolge ist dieser Fall jedoch wenig repräsentativ für den Normalfall der Softwareentwicklung. Die Behauptung, dass die Softwareentwicklung als Ganzes beendet sei, ist laut Roden falsch. Er betont, dass KI zwar das Kopieren von bestehendem Code billig gemacht hat, nicht jedoch das Treffen von Entscheidungen, die für die Entwicklung neuer, spezifischer Softwarelösungen zwingend erforderlich sind.

Die Bedeutung von Entscheidungen

Software besteht weit mehr als nur aus Code. In einem komplexen Programm wie Photoshop stecken über drei Jahrzehnte an menschlichen Entscheidungen. Entwickler haben Arbeitsabläufe konzipiert, Werkzeuge definiert und Probleme aus der Sicht der Anwender gelöst. Ein Nachbau übernimmt diese Entscheidungen, ohne den Prozess der Lösungsfindung selbst durchlaufen zu haben. Ein anschauliches Beispiel sind Dashboards: Obwohl das Prinzip bekannt ist, müssen Entwickler für jedes Produkt neu entscheiden, welche Daten in welcher Form relevant sind, um eine Überladung zu vermeiden. Diese Arbeit ist essenziell, auch wenn sie im fertigen Produkt nicht sofort sichtbar ist. Ein weiteres Beispiel ist die Arbeit mit Druckereien. Adobe-Programme bieten eine enorme Fülle an Optionen für Farben, Schriften und ICC-Farbmanagement, die für professionelle Workflows kritisch sind. PhotoCraft gibt zwar an, CMYK-Dokumente zu unterstützen, doch die README-Datei weist selbst auf Lücken bei Typografie und professionellen Abläufen hin. Ob das Ergebnis in der Praxis einer echten Druckerei Bestand hat, bleibt fraglich. Die Tiefe der Entscheidungen, die Adobe über Jahre hinweg getroffen hat, lässt sich nicht einfach durch einen KI-generierten Nachbau ersetzen.

Offene Fragen und Lücken

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für die Beurteilung der langfristigen Qualität von PhotoCraft entscheidend wären. So bleibt unklar, wie die Software in komplexen, professionellen Produktionsumgebungen tatsächlich performt, insbesondere bei speziellen Anforderungen im Bereich des Farbmanagements und der Typografie. Die README des Projekts gibt selbst zu, dass bei etwa einem Viertel der Referenzdateien Abweichungen zum Original bestehen. Es bleibt offen, wie diese Lücken geschlossen werden sollen, wenn die KI lediglich auf Basis von Beobachtungen arbeitet. Auch die Frage nach der Wartbarkeit des generierten Codes wird nicht abschließend beantwortet. Zudem bleibt unklar, wie das Projekt mit zukünftigen Updates von Adobe umgehen will, da sich das Original stetig weiterentwickelt. Die Lückenliste des Projekts deutet darauf hin, dass die vollständige Parität ein langwieriger Prozess ist, doch die konkreten Herausforderungen bei der Implementierung komplexer, nicht dokumentierter Funktionen werden nicht im Detail erläutert. Die Frage, ob eine KI ohne menschliche fachliche Anleitung in der Lage ist, die „Logik“ hinter einem professionellen Workflow wirklich zu verstehen, bleibt ebenfalls unbeantwortet.

Wie es weitergeht

Das Projekt ArtCraft befindet sich in einer aktiven Entwicklungsphase. Laut dem eigenen Fahrplan sind weitere Tausende Stunden an Agentenarbeit geplant, um die Funktionsgleichheit mit Adobe-Produkten zu erreichen. Die Entwickler haben korrigiert, dass dieses Ziel nicht innerhalb eines Monats, sondern über einen Zeitraum von mehreren Monaten erreicht werden soll. Die Community und die Fachpresse werden die Fortschritte weiterhin beobachten, insbesondere im Hinblick darauf, ob die Software über die reine Nachahmung von Basisfunktionen hinaus für den professionellen Einsatz tauglich wird. Für die Softwarebranche insgesamt bleibt die Entwicklung ein Testfall dafür, inwieweit KI-Agenten in der Lage sind, komplexe Standardsoftware nicht nur zu kopieren, sondern auch zu warten und weiterzuentwickeln. Die Diskussion um den Wert menschlicher Entscheidungsfindung in der Softwareentwicklung wird durch dieses Projekt weiter befeuert, da nun die praktische Bewährungsprobe ansteht. Ob die „Crafting Apps“ jemals die Tiefe und Stabilität erreichen, die für professionelle Anwender notwendig sind, wird sich erst in der weiteren Entwicklung zeigen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/technologie-computer-nummern-netz-14553707/ · Foto: Bibek ghosh
Quelle: https://www.heise.de/blog/Kommentar-Photoshop-per-KI-nachgebaut-Kopieren-ist-billig-Entscheiden-nicht-11495511.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag