Was geschehen ist: Die Kür von Shida Bazyar
Im Frankfurter Kaisersaal wurde am Abend des 5. Oktober 2026 der Deutsche Buchpreis verliehen. Wie bereits im Vorfeld von vielen Beobachtern erwartet, ging die renommierte Auszeichnung an die Autorin Shida Bazyar für ihren Roman „Die Lücken“. Die Veranstaltung, die traditionell den Auftakt zur Frankfurter Buchmesse bildet, verlief in einer Atmosphäre, die wenig Raum für Überraschungen bei der Auswahl des Siegertitels ließ. Bazyars Werk galt als derart herausragend, dass die Konkurrenz – sowohl die anderen fünf Finalisten als auch die weiteren vierzehn Titel der Longlist sowie die insgesamt rund 160 eingereichten Werke – kaum eine realistische Chance auf den Sieg hatte. Die Entscheidung der Jury wurde im Kaisersaal mit großem Jubel aufgenommen, wobei die Stimmung jedoch weniger von einer befreiten Überraschung als vielmehr von einer Bestätigung der vorab gefassten Erwartungen geprägt war. Bazyar, die als Tochter iranischer Einwanderer in Hermeskeil geboren wurde, nahm die Auszeichnung entgegen und nutzte ihre Dankesrede, um eine nachdenkliche und politisch aufgeladene Botschaft zu vermitteln, die den offiziellen Ton der Veranstaltung spürbar veränderte.
Die Einzelheiten der Preisverleihung
Die Zeremonie im Römer bot eine Bühne für zahlreiche Akteure des Literaturbetriebs. Maha El Hissy, die in den offiziellen Vorstellungsfilmen der Jury das Urteil über „Die Lücken“ zusammenfasste, bezeichnete das Werk als eine Neudefinition des Heimatromans. Neben ihr traten weitere Persönlichkeiten auf: Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, sowie die Juryvorsitzende Cornelia Geißler lobten das Buch in ihren Reden. Ein besonderer Moment des Abends galt dem scheidenden Buchmesse-Chef Juergen Boos. Er wurde für seine 21-jährige Amtszeit mit einer Akklamation gefeiert, wie sie im Kaisersaal selten zu erleben ist. Boos hatte während seiner Zeit unter anderem mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie, sinkenden Ausstellerzahlen und dem schwierigen Gastlandauftritt Chinas zu kämpfen. Während die offizielle Preisverleihung in einem rituellen Rahmen stattfand, verliefen zeitgleich auf dem Römerberg proisraelische Demonstrationen, die sich auf die aktuelle politische Lage und die Zunahme antisemitischer Straftaten in Deutschland bezogen. Die Preisträgerin selbst verwies in ihrer Rede explizit auf die hohe Zahl rassistischer und antisemitischer Übergriffe und betonte die Dringlichkeit dieser gesellschaftlichen Problematik.
Hintergrund zur Entstehung des Romans
Der Roman „Die Lücken“ ist eng mit der Biografie der Autorin und der Geschichte ihres Herkunftsortes Hermeskeil verknüpft. Bazyar verarbeitet darin die Erfahrungen von Menschen, die terrorisiert oder ermordet wurden, und setzt sich intensiv mit der deutschen Vergangenheit auseinander. Ein zentraler Bezugspunkt ist die Lebensgeschichte von Heinz Kahn, einem 1922 geborenen jüdischen Bürger aus Hermeskeil, der die Schoa überlebte. Bazyar zitiert in ihrem Buch Kahns ablehnende Haltung gegenüber der Verleihung einer Ehrenbürgerschaft im rheinland-pfälzischen Polch, wo er nach dem Krieg lebte. Kahn hatte damals betont, dass ihm diese Ehrung nichts bedeute, da sein Vater, der im Ersten Weltkrieg zahlreiche Orden erhalten hatte, dennoch von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Diese historische Einbettung macht den Roman zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, wie Deutsche heute mit der Erkenntnis umgehen, dass ihre Vorfahren in die Verbrechen des „Dritten Reiches“ involviert waren. Bazyar selbst beschreibt ihren Schreibprozess als eine Annäherung an diese schmerzhaften Lücken der Geschichte, wobei sie den Begriff „Heimat“ für sich neu bewertet hat.
Die Beteiligten und ihre Rollen
Die Entscheidung für Shida Bazyar wurde von einer Jury getroffen, deren Vorsitz Cornelia Geißler innehatte. Maha El Hissy, die das Werk für die Jury würdigte, stand im Vorfeld der Verleihung selbst in der Kritik, da gegen sie Vorwürfe im Zusammenhang mit Antisemitismus erhoben worden waren. Die Wahl, ausgerechnet sie das Buch „Die Lücken“ – ein Werk, das sich explizit gegen Antisemitismus richtet – vorstellen zu lassen, wurde von Beobachtern als strategischer Schachzug der Jury interpretiert. Auf der Bühne agierten zudem Sebastian Guggolz als Repräsentant des Börsenvereins und Ina Hartwig als Vertreterin der Stadt Frankfurt. Die Autorin Shida Bazyar, die bei Kiepenheuer & Witsch verlegt wird, betonte in ihrer Dankesrede die Rolle ihres Verlags, der ihr vor zwölf Jahren eine „literarische Heimat“ angeboten hatte. Damit grenzte sie sich von einem traditionellen Heimatbegriff ab, der für sie in der aktuellen politischen Lage an Bedeutung verloren hat. Die Akteure im Kaisersaal zeigten sich geschlossen in ihrem Bekenntnis zum „guten Buch“, wobei die Redner durch ihre einhellige Zustimmung das Ergebnis der Jury bereits vor der offiziellen Bekanntgabe in den Fokus rückten.
Einordnung der literarischen Bedeutung
Einzuordnen ist der Erfolg von „Die Lücken“ als ein Zeichen für die aktuelle Ausrichtung der deutschen Literaturkritik. Dass Maha El Hissy das Buch als „Heimatroman“ bezeichnete, wurde von der Autorin selbst in ihrer Dankesrede indirekt korrigiert. Bazyar betonte, dass der Begriff Heimat für sie kaum noch Sinn ergebe, es sei denn, man beziehe ihn auf die literarische Unterstützung durch ihren Verlag. Den Berichten zufolge ist das Buch weniger ein klassischer Heimatroman als vielmehr ein „unheimlicher Roman“. Die literarische Qualität des Werkes liegt laut Jury in der Art und Weise, wie es die Lücken der Geschichte und das Versagen von Freunden in schwierigen Zeiten thematisiert. Die Anlehnung an Hannah Arendts Beobachtungen über ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland unterstreicht den intellektuellen Anspruch des Romans. Die Auszeichnung durch den Deutschen Buchpreis festigt Bazyars Position als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, die sich nicht scheut, unbequeme Wahrheiten über Identität, Herkunft und die dunklen Kapitel der deutschen Historie auszusprechen.
Offene Fragen zur Juryentscheidung
Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die über die bloße Preisverleihung hinausgehen. So bleibt etwa unklar, inwiefern die im Vorfeld gegen Maha El Hissy erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe die interne Debatte der Jury beeinflusst haben. Auch wenn die Entscheidung für „Die Lücken“ als strategisch sinnvoll zur Abwehr dieser Vorwürfe gedeutet wurde, gibt es keine explizite Bestätigung für diese Vermutung seitens der Jury-Mitglieder. Zudem bleibt offen, wie die anderen fünf Finalisten auf die geringe Spannung des Abends reagiert haben, da der Fokus fast ausschließlich auf der vorab als Siegerin gehandelten Bazyar lag. Auch die genauen Kriterien, die zur Auswahl der sechs Finalisten führten, werden im Text zwar als „gelungene Auswahl“ bezeichnet, doch eine detaillierte Analyse, warum gerade diese Bücher das Feld dominierten, fehlt. Ebenso wird nicht näher beleuchtet, welche Auswirkungen die sinkenden Ausstellerzahlen der Buchmesse, die Juergen Boos in seiner Amtszeit begleiteten, konkret auf die Zukunft des Deutschen Buchpreises als Marketinginstrument haben könnten. Diese Aspekte bleiben Spekulationen der Beobachter und sind nicht durch offizielle Statements belegt.
Wie es weitergeht: Perspektiven der Branche
Mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises an Shida Bazyar beginnt nun die heiße Phase der Frankfurter Buchmesse. Die Auszeichnung dient traditionell als wichtigster Impuls für den Buchhandel im Weihnachtsgeschäft. Für Bazyar bedeutet der Preis eine dauerhafte Etablierung im Literaturbetrieb, wobei ihr Werk nun verstärkt im Fokus der öffentlichen Debatte stehen wird. Die Branche blickt nach der Ära Juergen Boos in eine Zeit des Umbruchs, in der sich zeigen muss, wie die Messe und der Buchpreis auf die veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen reagieren. Die politische Dimension der Dankesrede Bazyars, die den Fokus auf Antisemitismus und Rassismus legte, dürfte auch in den kommenden Tagen auf der Messe für Diskussionen sorgen. Es ist zu erwarten, dass die Auseinandersetzung mit den „Lücken“ in der deutschen Erinnerungskultur, wie sie Bazyar in ihrem Roman beschreibt, ein zentrales Thema der literarischen Veranstaltungen der kommenden Wochen bleiben wird. Die Entscheidung der Jury hat somit nicht nur eine literarische, sondern auch eine klare gesellschaftspolitische Weichenstellung für den aktuellen Literaturbetrieb vorgenommen.