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Literatur & Bestseller: Barack Obama hat jetzt auch einen Literatur-Podcast
Kultur · 05.10.2026 05:31

Literatur & Bestseller: Barack Obama hat jetzt auch einen Literatur-Podcast

Kurz: Barack Obama startet einen eigenen Literatur-Podcast, doch die Inszenierung wirft Fragen über den Zustand der Lesekultur in Zeiten von Social Media auf.

Was geschehen ist: Barack Obamas neuer Literatur-Podcast

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat ein neues Kapitel in seiner medialen Laufbahn aufgeschlagen. Unter dem Titel »A Great Book with Barack Obama« hat er ein Gesprächsformat gestartet, das sich explizit der Literatur widmet. In der ersten Folge begrüßte er den Schauspieler Tom Hanks als Gast. Das Ziel des Podcasts ist es, die Zuhörer dazu zu inspirieren, wieder mehr zu lesen. Doch das Format löst bei Beobachtern eine ambivalente Reaktion aus. Während das Interesse an Büchern grundsätzlich begrüßenswert ist, hinterlässt die Art der Vermarktung einen leicht dystopischen Eindruck. Es stellt sich die Frage, ob ein prominenter Fürsprecher wie Obama notwendig ist, um das Lesen als kulturelle Praxis überhaupt noch relevant erscheinen zu lassen. Die Inszenierung des Podcasts, die stark auf die Strahlkraft bekannter Persönlichkeiten setzt, unterstreicht eine Entwicklung, in der das Lesen selbst zum Gegenstand einer notwendigen Motivationskampagne geworden ist. Anstatt das Lesen als selbstverständliche Tätigkeit zu betrachten, wird es hier als ein Gut präsentiert, das aktiv beworben und durch den Glanz von Hollywood-Stars in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden muss.

Die Einzelheiten: Prominente, Apps und die Vermarktung von Literatur

In der Auftaktfolge seines Podcasts räumt Barack Obama selbstironisch ein, dass auch er auf die Reichweite von Prominenten angewiesen ist, um Menschen für Literatur zu begeistern. Sein Gast Tom Hanks dient dabei als Zugpferd. Die Debatte um die Krise des Lesens findet jedoch nicht nur in Podcasts statt. Ein Blick in die Literaturzeitschrift »Paris Review« offenbart, wie stark das Marketing mittlerweile in den literarischen Raum eingreift. Der Seifenhersteller Aesop wirbt dort mit einer Ästhetik, die Tinte und Papier als Duftnoten vermarktet, um ein Gefühl von Exklusivität und Weltläufigkeit zu erzeugen. Noch deutlicher wird der Trend bei der neuen Dating-App »Readme«, die in Manhattan, New York, gelauncht wurde. Die Gründerinnen setzen auf ein System, das auf lacanscher Psycholinguistik basiert, um Menschen mit ähnlichen Leseinteressen zu verkuppeln. Hier wird das Lesen nicht mehr nur als geistige Tätigkeit, sondern als soziales und erotisches Distinktionsmerkmal genutzt. Die Bilder der Launchparty, auf denen attraktive Menschen in einer schwitzigen Atmosphäre inszeniert werden, zeigen, wie weit sich die Wahrnehmung von Literatur von der stillen Lektüre entfernt hat.

Hintergrund: Das Lesen als Statussymbol in der Krise

Die aktuelle Entwicklung lässt sich als eine Krise des Lesens beschreiben, die bereits seit Längerem diskutiert wird. Bücher wandeln sich zunehmend von einem Massenmedium zu einem exklusiven Statussymbol. Wenn Regierungen, wie etwa in Singapur, finanzielle Anreize schaffen, damit Bürger täglich 15 Minuten lesen, verdeutlicht dies den staatlichen Versuch, eine schwindende Kulturtechnik künstlich am Leben zu erhalten. Die Beobachtung, dass das Lesen zu einem subventionierten Kulturgut verkommt, das gefördert werden muss, ist ein beunruhigendes Indiz für den Wandel der Aufmerksamkeitsökonomie. Das Lesen droht dabei zu einer Tätigkeit zu werden, die man nicht mehr um ihrer selbst willen ausübt, sondern weil sie in bestimmten sozialen Kreisen als schick oder intellektuell wertvoll gilt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der medialen Aufarbeitung wider, bei der die bloße Aufforderung zum Lesen bereits als Erfolg gewertet wird, unabhängig davon, ob eine inhaltliche Auseinandersetzung mit spezifischen Werken stattfindet.

Die Beteiligten: Akteure im literarischen Betrieb

Zu den zentralen Akteuren in dieser Debatte gehören neben Barack Obama und Tom Hanks auch Autoren wie Shida Bazyar, deren Roman »Die Lücken« derzeit große Aufmerksamkeit erfährt. In einem Interview mit der Kollegin Miriam Amro beschreibt Bazyar ihr Werk als ein Fenster zum Grauen, das hinter der Fassade eines scheinbar normalen deutschen Dorfes verborgen liegt. Auch der Autor Clemens J. Setz tritt als Akteur auf, der in einem literarischen Steckbrief über seine Vorlieben und die aktuelle Lage des Literaturbetriebs spricht. Setz, bekannt für seine eigenwillige Prosa und seine Rilke-Biografie, stellt dabei fest, dass über Bücher kaum noch fundiert diskutiert werde, was er als Fangfrage entlarvt. Weitere Akteure sind die Gründerinnen der App »Readme«, die den literarischen Diskurs mit psychologischen Theorien verknüpfen, sowie die Redakteure und Autoren des SPIEGEL, die diese Entwicklungen kritisch begleiten und in ihren Newslettern und Artikeln einordnen.

Einordnung: Literatur zwischen Begehren und Eventkultur

Einzuordnen ist das Phänomen Obama-Podcast und Readme-App als Symptom einer Zeit, in der das Lesen in einen Wettbewerb mit anderen, schnelleren Medien tritt. Den Berichten zufolge bewegt sich das Lesen im Jahr 2026 in einem Spannungsfeld zwischen Promi-Kultur, Luxus-Lifestyle und algorithmischer Partnervermittlung. Es ist ein Prozess der Kommodifizierung, bei dem das Buch als physisches Objekt oder als intellektuelles Accessoire wichtiger wird als der Akt des Lesens selbst. Die Verbindung von Literatur mit erotischer Spannung, wie sie die App »Readme« propagiert, zielt auf das menschliche Begehren ab, um eine Lücke zu füllen, die durch den Rückgang der klassischen Lesekultur entstanden ist. Diese Entwicklung ist aus einer kulturkritischen Perspektive als besorgniserregend einzustufen, da sie den intellektuellen Kern des Lesens – die konzentrierte Auseinandersetzung mit Texten – zugunsten einer oberflächlichen Inszenierung in den Hintergrund drängt.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für ein tieferes Verständnis der Materie hilfreich wären. So bleibt unklar, wie erfolgreich die App »Readme« tatsächlich bei der Vermittlung von echten Lesebeziehungen ist, da der Autor selbst angibt, sie aufgrund seines Wohnortes und seines Familienstandes nicht testen zu können. Auch die konkreten Auswirkungen der staatlichen Leseförderung in Singapur auf die tatsächliche Lesekompetenz der Bevölkerung werden nicht weiter beleuchtet. Zudem bleibt offen, ob Formate wie der Podcast von Barack Obama langfristig tatsächlich dazu führen, dass die Hörer zu Büchern greifen, oder ob sie lediglich als Unterhaltungskonsum verbleiben. Die Frage, wie die Verlage auf diesen Trend reagieren, wird nur in Ansätzen durch die Erwähnung von Bestsellerlisten und Cover-Designs angedeutet, ohne jedoch eine tiefere Analyse der Verlagsstrategien zu bieten.

Wie es weitergeht: Frankfurter Buchmesse als Gradmesser

Die nächste große Bewährungsprobe für den Literaturbetrieb ist die Frankfurter Buchmesse, die ab Mittwoch beginnt. Sie gilt als die größte Buchmesse der Welt, auch wenn die tatsächlichen Zahlen nicht immer exakt verifiziert werden. Für Besucher gibt es bereits erste Handreichungen, wie man sich in den sozialen Dynamiken der Messe bewegen sollte – etwa bei der Frage nach dem Gewinner des Deutschen Buchpreises oder dem Besuch exklusiver Partys wie der von Rowohlt. Die Messe wird zeigen, ob die aktuelle Tendenz zur Eventisierung des Buches anhält oder ob es noch Raum für ernsthafte literarische Debatten gibt. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises am Montag bildet dabei den Auftakt. Es bleibt abzuwarten, ob die dort ausgezeichneten Werke den Weg aus der Nische in die breite Öffentlichkeit finden oder ob sie, wie so viele andere, in der Flut der Neuerscheinungen und der lauten Vermarktungsmechanismen untergehen werden.

Ein Blick auf die Bestsellerlisten

Die aktuellen SPIEGEL-Bestsellerlisten spiegeln die Vielfalt des Marktes wider. Im Bereich Belletristik Hardcover finden sich Titel wie »Kalte Tage« von Charlotte Link auf Platz eins, gefolgt von Dörte Hansen mit »Broder« und Nele Neuhaus mit »Alles wird Asche«. Auch Dana Vowinckel mit »Anton und Alma« sowie Shida Bazyar mit »Die Lücken« sind prominent vertreten. Interessant ist hierbei die Gestaltung der Cover, die oft als zeitgeistig und instagram-tauglich beschrieben werden, was den Trend zur visuellen Vermarktung von Literatur unterstreicht. Im Sachbuchbereich führt Charles Spencer mit »Swan Song« die Liste an, gefolgt von Manfred Lütz und Matthias Brandt. Diese Listen zeigen, dass trotz der diagnostizierten Krise des Lesens weiterhin eine beachtliche Menge an Büchern produziert und konsumiert wird. Die Herausforderung bleibt jedoch, wie diese Titel in einer Welt, die von Podcasts, Apps und schnellen digitalen Inhalten dominiert wird, ihre Leser finden und binden können.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/anhaltisches-theater-in-dessau-an-einem-sonnigen-tag-37237032/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/literatur/literatur-bestseller-barack-obama-hat-jetzt-auch-einen-literatur-podcast-a-0f828574-5f8e-49e4-bba9-a4a2e35208fb#ref=rss