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Aus alten Autoreifen wird wertvolles Öl
Schlagzeilen · 19.10.2026 18:30

Aus alten Autoreifen wird wertvolles Öl

Kurz: Ein saarländisches Unternehmen zeigt, wie aus alten Autoreifen wertvolle Rohstoffe wie Öl und Gas werden. Die EU will das Recycling nun massiv ausbauen.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

In Dillingen im Saarland hat sich ein innovatives Verfahren etabliert, das die Entsorgung von Altreifen revolutionieren könnte. Die Pyrum Innovations AG, ein Unternehmen, das vor rund 18 Jahren als kleines Start-up in einer Gartenlaube begann, hat eine patentierte Technologie entwickelt, um aus dem scheinbaren Abfallprodukt Altreifen wertvolle Industrierohstoffe zu gewinnen. Anstatt die Reifen wie bisher üblich zu entsorgen oder zu verbrennen, werden sie in einem speziellen Reaktor in ihre Bestandteile zerlegt. Dabei entstehen Öl, Gas und Kohlenstoff, die in der Industrie als essenzielle Ausgangsstoffe weiterverwendet werden können. Dieses Modell gilt als wegweisend für die angestrebte europäische Kreislaufwirtschaft, die nicht nur den Umweltschutz voranbringen, sondern auch die Abhängigkeit von Rohstoffimporten aus Drittstaaten drastisch reduzieren soll. Während die EU derzeit intensiv an einem neuen Gesetzesrahmen arbeitet, dem sogenannten Circular Economy Act, zeigt das saarländische Unternehmen bereits heute, wie die industrielle Praxis der Zukunft aussehen kann. Die Anlage in Dillingen ist dabei mehr als nur eine Recyclingstation; sie ist ein praktisches Beispiel für die Transformation hin zu einer unabhängigen und nachhaltigen Rohstoffversorgung innerhalb Europas.

Die Einzelheiten des Recyclingprozesses

Das Verfahren der Pyrum Innovations AG ist komplex und hochspezialisiert. Auf dem Betriebsgelände in Dillingen türmen sich meterhohe Berge aus Altreifen, die für den Gründer Pascal Klein keinen Müll, sondern einen wertvollen Rohstoffschatz darstellen. Der Prozess beginnt mit der Trennung der Materialien: Zunächst werden der Stahl und die Textilfasern, die in jedem Autoreifen enthalten sind, extrahiert. Das verbleibende Gummigranulat wird anschließend in einem patentierten Reaktor weiterverarbeitet. Durch diesen thermochemischen Prozess entstehen drei Hauptprodukte: Öl, Kohlenstoff und Gas. Diese Stoffe sind für die Industrie von hohem Wert. So beliefert Pyrum namhafte Kunden wie Pirelli, Continental und Schwalbe mit Industrieruß-Granulat, das direkt wieder in die Reifenproduktion einfließt. Das gewonnene Öl wiederum wird an den Chemiekonzern BASF geliefert, der es für verschiedene chemische Prozesse nutzt. Laut einer Analyse des Fraunhofer-Instituts ist das Verfahren zudem äußerst klimafreundlich: Pro Tonne Altreifen spart Pyrum im Vergleich zum herkömmlichen Entsorgungsmix rund 72 Prozent CO2 ein, was das Unternehmen zu einem wichtigen Akteur im Bereich der systemkritischen Rohstoffversorgung macht.

Hintergrund und Entwicklung

Die Geschichte der Pyrum Innovations AG ist eine klassische Gründergeschichte, die vor fast zwei Jahrzehnten in der Gartenlaube eines Freundes von Pascal Klein ihren Anfang nahm. Was als ambitionierte Idee begann, hat sich über Jahre hinweg zu einem hochkomplexen industriellen Prozess entwickelt. Der Weg dorthin war jedoch steinig. Klein berichtet von zahlreichen Hürden, die er überwinden musste, um das Unternehmen in seiner heutigen Form aufzubauen. Besonders die Finanzierung stellte eine enorme Herausforderung dar, da der Bau einer solchen Recyclinganlage mit Kosten von rund 60 Millionen Euro verbunden ist. Solche Summen lassen sich nicht ohne Weiteres aufbringen. Die aktuelle geopolitische Lage hat die Relevanz des Unternehmens weiter verschärft. Da Europa zunehmend unter Druck steht, sich von fossilen Rohstoffimporten zu lösen, gewinnt die interne Produktion von Öl aus Abfällen massiv an Bedeutung. Die Entwicklung von der kleinen Bastelwerkstatt hin zu einem international agierenden Unternehmen mit Expansionsplänen nach Tschechien und Griechenland unterstreicht den wachsenden Bedarf an technologischen Lösungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft in Europa.

Die Beteiligten und ihre Rollen

An diesem Prozess sind verschiedene Akteure beteiligt, die jeweils unterschiedliche Rollen einnehmen. Pascal Klein, der CEO und Gründer der Pyrum Innovations AG, fungiert als treibende Kraft und Visionär, der die technologische Entwicklung maßgeblich vorangetrieben hat. Er vertritt die Ansicht, dass Europa in Sachen Recycling zu zögerlich agiert und mehr Wagemut benötigt. Auf der Kundenseite stehen große Industriekonzerne wie BASF, vertreten durch Jens Hamprecht, den Vice President und Koordinator der Unternehmensstrategie zum Kunststoffrecycling. Für BASF ist das Öl aus Reifen ein strategisches Mittel, um die Abhängigkeit von fossilen Quellen zu verringern. Auf wissenschaftlicher Seite begleitet Prof. Dr.-Ing. Michael Vielhaber von der Universität des Saarlandes die Entwicklungen. Er betreut Forschungsprojekte zur Produktentstehung und analysiert die systemischen Hürden, die einer flächendeckenden Kreislaufwirtschaft in Europa derzeit noch im Weg stehen. Zudem ist die Europäische Union als politischer Akteur entscheidend, da sie mit dem geplanten Circular Economy Act den regulatorischen Rahmen für die Zukunft setzt und versucht, die 27 Mitgliedstaaten auf einen gemeinsamen Standard zu verpflichten.

Einordnung der aktuellen Lage

Einzuordnen ist das Modell von Pyrum als ein wichtiger Baustein in einer größeren industriellen Transformation. Den Berichten zufolge steckt in der Branche ein Milliardenpotenzial, das jedoch durch hohe Kosten und logistische Schwierigkeiten gebremst wird. Während China seine Recyclingbetriebe bereits massiv subventioniert und wiederverwertete Materialien als vollwertige Rohstoffe anerkennt, zeigt sich Deutschland laut Pascal Klein noch zu ängstlich. Die Einordnung der Situation durch Experten wie Professor Vielhaber macht deutlich, dass die größte Herausforderung nicht nur in der Technik liegt, sondern in der mangelnden Harmonisierung innerhalb der EU. Was in einem Land als wertvoller Rohstoff gilt, wird in einem anderen möglicherweise als Abfall eingestuft. Dies erschwert den Aufbau verlässlicher Lieferketten erheblich. Dennoch ist der Trend unumkehrbar: Angesichts der absehbaren Verknappung von Rohstoffen wie Kupfer und dem steigenden Druck durch geopolitische Spannungen wird die Kreislaufwirtschaft von einer ökologischen Nische zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die EU-Zielvorgabe, den Anteil recycelter Materialien bis 2030 auf 24 Prozent zu verdoppeln, unterstreicht die Dringlichkeit dieses Wandels.

Offene Fragen und Herausforderungen

Obwohl das Konzept der Pyrum Innovations AG technisch überzeugt, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, wie genau die Finanzierung der geplanten Werke in Tschechien und Griechenland in der Praxis sichergestellt wird, nachdem Pascal Klein bereits die hohen Kosten von 60 Millionen Euro pro Standort hervorgehoben hat. Auch bleibt unklar, wie die EU die unterschiedlichen nationalen Abfallgesetzgebungen konkret harmonisieren will, um den grenzüberschreitenden Handel mit Recyklaten tatsächlich zu erleichtern. Die logistischen Hürden, die Professor Vielhaber anspricht, sind ebenfalls noch nicht vollständig gelöst; es fehlt an einer klaren Antwort darauf, wie die Produktmengen effizient und kostengünstig an die Verarbeitungsstätten gelangen sollen. Zudem wird nicht explizit ausgeführt, welche konkreten Mindestanteile an recycelten Materialien in welchen Produkten der Circular Economy Act vorschreiben wird. Diese regulatorischen Details sind jedoch entscheidend für die Planungssicherheit der Unternehmen. Auch die Frage, ob die von Klein geforderten Subventionen nach chinesischem Vorbild in Europa politisch mehrheitsfähig sind, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt offen.

Wie es weitergeht

Die nächsten Schritte sind bereits in Planung. Die Europäische Union bereitet derzeit den Circular Economy Act (CEA) vor, dessen Gesetzesentwurf voraussichtlich im November 2026 vorgelegt werden soll. Nach der Vorlage beginnt ein langwieriger Beratungsprozess im EU-Parlament und im Rat, wobei Experten davon ausgehen, dass bis zur tatsächlichen Umsetzung des Gesetzes noch etwa eineinhalb Jahre vergehen könnten. Parallel dazu treibt die Pyrum Innovations AG ihre eigene Expansion voran. Die geplanten Werke in Tschechien und Griechenland sind als nächste große Meilensteine in der Unternehmensentwicklung vorgesehen. Diese Standorte sollen dazu dienen, das im Saarland erprobte Modell in andere europäische Märkte zu übertragen und so die Kapazitäten für die Rohstoffgewinnung aus Altreifen zu erhöhen. Die Industrie wird in den kommenden Jahren genau beobachten, ob die EU-Vorgaben tatsächlich zu einer Vereinfachung führen oder ob die bürokratischen Hürden für Unternehmen wie Pyrum bestehen bleiben. Der Zeitplan für die kommenden Monate ist somit geprägt von politischen Weichenstellungen in Brüssel und der industriellen Skalierung innovativer Recyclingtechnologien in den Mitgliedstaaten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/sand-gelb-reifen-rad-18165760/ · Foto: Vladimir Srajber
Quelle: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/kreislauf-wirtschaft-saarland-oel-autoreifen-recycling-100.html