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Wie Erdwärme die Wärmeversorgung verändern soll
Wirtschaft · 25.10.2026 05:10

Wie Erdwärme die Wärmeversorgung verändern soll

Kurz: In Potsdam und ganz Deutschland gewinnt die Tiefengeothermie an Bedeutung. Experten diskutieren über Chancen, Risiken und die Zukunft der Wärmeversorgung.

Ein ambitioniertes Vorhaben in der Tiefe

In der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam findet derzeit ein technisch anspruchsvolles Unterfangen statt, das die lokale Energieversorgung langfristig transformieren soll. Auf dem Gelände des Heizkraftwerks Potsdam Süd ragt ein 30 Meter hoher Bohrturm in den Himmel, der das Stadtbild prägt und den Fortschritt der Wärmewende symbolisiert. Seit Juli dieses Jahres wird dort nahezu kontinuierlich, rund um die Uhr, in die Tiefe gebohrt. Das erklärte Ziel der Verantwortlichen ist es, eine Tiefe von bis zu 1.500 Metern zu erreichen, um dort auf wasserführende Gesteinsschichten zu stoßen. Die Hoffnung ruht darauf, dass diese Schichten ausreichend warmes Wasser führen, welches als nachhaltige Wärmequelle für Tausende Haushalte in Potsdam dienen kann. Dieses Projekt ist ein wesentlicher Baustein der städtischen Strategie, die Fernwärmeversorgung bis zum Jahr 2035 vollständig von fossilen Energieträgern zu entkoppeln. Die Tiefengeothermie soll dabei als verlässliche und grundlastfähige Säule fungieren, um die Abhängigkeit von Gas und Öl zu beenden und eine klimaneutrale Wärmeversorgung zu gewährleisten. Es ist ein Unterfangen, das nicht nur technisches Know-how erfordert, sondern auch eine hohe Investitionsbereitschaft voraussetzt, um die ambitionierten Klimaziele der Stadt zu erreichen.

Details zum Millionenprojekt und erste Erfolge

Das Projekt am Heizkraftwerk Süd ist mit einem finanziellen Volumen von rund 78 Millionen Euro veranschlagt. Trotz der hohen Summe zeigen sich die Verantwortlichen optimistisch hinsichtlich des Erfolgs. Projektleiter Tristan Grüttner vom kommunalen Energieversorger EWP betont jedoch, dass eine gewisse Unsicherheit bei derartigen Bohrungen unvermeidbar bleibt. Man könne nie mit absoluter Gewissheit sagen, ob die geologischen Bedingungen den Erwartungen entsprechen und tatsächlich genügend warmes Wasser gefördert werden kann. Dennoch stützt sich das Vorhaben auf eine solide Basis aus umfangreichen Vorstudien, die den Optimismus der Experten nähren. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass man sich auf einem vielversprechenden Weg befindet. Bis zum Jahresende sollen weitere Analysen vorliegen, die darüber entscheiden, ob zusätzliche Bohrungen notwendig oder sinnvoll sind. Dass das Konzept grundsätzlich funktioniert, zeigt ein Blick auf ein anderes Areal in Potsdam: Auf dem Gelände eines ehemaligen Straßenbahndepots ist seit 2024 eine Geothermieanlage in Betrieb, die bereits ein Neubauquartier versorgt. Mit einer thermischen Leistung von vier Megawatt übertrifft diese Anlage die ursprünglichen Prognosen sogar um das Doppelte, was als ermutigendes Signal für die aktuellen Bemühungen gewertet wird.

Geologische Voraussetzungen und der Standortvorteil

Das Prinzip der Tiefengeothermie basiert auf einem physikalischen Gesetz: Mit zunehmender Tiefe steigt die Temperatur im Erdinneren an, in Deutschland im Durchschnitt um etwa drei Grad Celsius pro 100 Meter. Das Verfahren nutzt diesen Umstand, indem warmes Wasser aus tiefen Gesteinsschichten an die Oberfläche gepumpt wird. Dort wird dem Wasser die thermische Energie entzogen, die anschließend in das Fernwärmenetz eingespeist werden kann, während das abgekühlte Wasser wieder in den Untergrund zurückgeführt wird. Brandenburg bietet hierfür exzellente geologische Bedingungen. Das Bundesland liegt großflächig im sogenannten Norddeutschen Becken, das in großen Tiefen über Sandsteinschichten verfügt, die als natürliche Speicher für warmes Wasser dienen. Ingo Sass vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam unterstreicht, dass der zentrale Teil Brandenburgs zu den Gebieten mit den besten Untergrundeigenschaften für diese Technologie zählt. Dennoch bleibt die entscheidende Variable bei jedem Bohrprojekt die tatsächliche Ergiebigkeit der wasserführenden Schichten. Nur wenn genügend Wasser vorhanden ist und sich dieses effizient fördern lässt, kann das geothermische Potenzial wirtschaftlich sinnvoll erschlossen werden, was die geologische Erkundung zu einem kritischen Erfolgsfaktor macht.

Der Wandel in der Energiepolitik

Das Interesse an der Geothermie hat in den vergangenen Jahren massiv an Dynamik gewonnen, insbesondere als direkte Folge der Energiekrise ab dem Jahr 2022. Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie, berichtet von einer Verfünffachung der Projekte im Bereich der Tiefengeothermie. Viele Stadtwerke hätten durch den Krieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Turbulenzen an den Energiemärkten eine neue Dringlichkeit erkannt, ihre Wärmeversorgung auf eine breitere, krisensichere Basis zu stellen. Im Gegensatz zu volatilen Energiequellen wie Wind- oder Solarenergie bietet die Erdwärme den entscheidenden Vorteil, rund um die Uhr und unabhängig von Wetterbedingungen verfügbar zu sein. Trotz dieses Potenzials ist der Anteil der Erdwärme an der Wärmeversorgung in Brandenburg derzeit noch gering. Laut Wirtschaftsministerin Martina Klement stammen lediglich 13 Prozent der Wärme in Brandenburg aus erneuerbaren Energien. Die CSU-Politikerin sieht darin zwar eine Herausforderung, betont jedoch gleichzeitig die großen Chancen, die in der weiteren Erschließung dieser Energiequelle liegen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nachhaltig zu reduzieren.

Einordnung der Herausforderungen und Chancen

Die Einordnung der aktuellen Entwicklung zeigt, dass die Tiefengeothermie zwar ein enormes Potenzial besitzt, aber mit erheblichen Hürden verbunden ist. Ein zentrales Hindernis sind die hohen Kosten für die Erkundung und Erschließung, die bereits in der Phase der Bohrungen Millionenbeträge verschlingen. Das sogenannte Fündigkeitsrisiko – also die Gefahr, dass trotz hoher Investitionen nicht genügend Wärme gefördert werden kann – stellt besonders für kleinere Kommunen eine enorme finanzielle Belastung dar. Um diese Barrieren zu überwinden, greift der Bund unterstützend ein, etwa durch Förderprogramme für Wärmenetze oder günstige Kredite. Ingo Sass vom GFZ bewertet die Geothermie langfristig als stabile und krisensichere Energiequelle, deren Wirtschaftlichkeit eine Frage der richtigen Investitionsverteilung sei. Den Berichten zufolge müssen jedoch auch ökologische Aspekte berücksichtigt werden. Eingriffe in den Untergrund können potenziell kleinere Erdbeben auslösen oder das Grundwasser gefährden. Experten sind sich jedoch einig, dass diese Risiken durch präzise Planung, moderne Sicherheitstechnologien und eine engmaschige Überwachung der Anlagen auf ein vertretbares Minimum reduziert werden können, was die Technologie zu einer tragfähigen Säule der Energiewende macht.

Offene Fragen zur technologischen Umsetzung

Trotz der Fortschritte und der wissenschaftlichen Begleitung bleiben einige Fragen unbeantwortet, die für den langfristigen Erfolg entscheidend sein könnten. Der Quelltext lässt beispielsweise offen, wie genau die langfristige Stabilität der geothermischen Reservoirs unter dem Einfluss zahlreicher neuer Anlagen in einer Region gewährleistet werden kann. Es wird nicht explizit thematisiert, inwieweit eine großflächige Nutzung der Erdwärme die geologischen Strukturen über Jahrzehnte hinweg beeinflusst. Auch die genauen Details der finanziellen Absicherung für den Fall, dass Bohrungen trotz intensiver Vorstudien erfolglos bleiben, werden nicht weiter spezifiziert. Zudem bleibt unklar, wie schnell die notwendigen Kapazitäten bei spezialisierten Bohrunternehmen bereitgestellt werden können, um den Wunsch vieler Kommunen nach einem beschleunigten Ausbau zu erfüllen. Auch die konkrete Ausgestaltung der langfristigen Preisstabilität für die Endverbraucher, die an die neuen Fernwärmenetze angeschlossen werden, wird nicht detailliert erörtert. Diese Lücken in der öffentlichen Debatte zeigen, dass der Weg zur flächendeckenden Nutzung der Erdwärme noch einige technische und wirtschaftliche Unwägbarkeiten birgt, die in den kommenden Jahren adressiert werden müssen.

Ausblick auf zukünftige Entwicklungen

Die nächsten Schritte für die Geothermie in der Region sind bereits in Planung. In Berlin wurden kürzlich erstmals Erkundungsrechte vergeben, wobei die Berliner Energie und Wärme GmbH am Standort Marzahn Bohrungen in bis zu 2.000 Meter Tiefe plant. Ziel ist es, vier wasserführende Gesteinsschichten zu untersuchen, um deren Eignung für das Berliner Fernwärmenetz zu prüfen. Eine Inbetriebnahme der ersten Anlage in Berlin ist nach derzeitigem Stand für das Jahr 2031 vorgesehen. Parallel dazu findet ein intensiver Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik statt, wie beim jüngsten Deutschen Geothermiekongress in Potsdam deutlich wurde. Dort berieten mehr als 550 Fachleute über die Optimierung von Technologien, die Finanzierung und die politischen Rahmenbedingungen, um den Ausbau der Erdwärme in Deutschland signifikant zu beschleunigen. Die Dynamik ist spürbar, und das Ziel, die Wärmeversorgung auf ein nachhaltiges Fundament zu stellen, wird durch die Vielzahl der laufenden Projekte und die wachsende politische Unterstützung weiter vorangetrieben. Die kommenden Jahre werden zeigen, inwieweit die ambitionierten Pläne in die Realität umgesetzt werden können und welche technologischen Innovationen den Prozess weiter effizienter gestalten werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/euro-banknoten-mit-zahlungs-scrabble-spielsteinen-39238635/ · Foto: Marta Branco
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/erdwaerme-waermeversorgung-heizen-100.html