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Kreuzberg-Ausstellung: Mit Spatzen auf den Kanon schießen
Kultur · 18.10.2026 21:46

Kreuzberg-Ausstellung: Mit Spatzen auf den Kanon schießen

Kurz: Der Gropius-Bau widmet sich der Kunst von Migranten in Kreuzberg seit 1960. Eine Schau, die den Blick auf den deutschen Kunstkanon und dessen Lücken schärft.

Was geschehen ist – eine neue Perspektive auf die Kunstgeschichte

Im Berliner Martin-Gropius-Bau hat eine Ausstellung eröffnet, die das Potenzial besitzt, den Blick auf die deutsche Kunstgeschichte der vergangenen Jahrzehnte grundlegend zu verändern. Unter dem Titel „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“ widmet sich das Haus den künstlerischen Arbeiten jener Menschen, die ab den 1960er Jahren als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland kamen und sich insbesondere im Berliner Stadtteil Kreuzberg niederließen. Die Schau ist mehr als eine bloße Zusammenstellung von Werken; sie versteht sich als eine Entdeckung, die den etablierten Kanon der deutschen Kunstszene herausfordert. Während offizielle Repräsentanten des Staates und der Politik bei derartigen Ausstellungen häufig durch Abwesenheit glänzen, bietet die Ausstellung den Besuchern die Möglichkeit, eine alternative Erzählung der Bundesrepublik zu betrachten. Es ist ein Versuch, die kulturelle Monokultur, die sich in den Vorlieben der politischen Elite widerspiegelt, durch eine lebendige, diverse und bislang oft ignorierte künstlerische Realität zu ergänzen. Die Ausstellung macht deutlich, dass die Geschichte der Migration untrennbar mit der ästhetischen Entwicklung Berlins und der gesamten Bundesrepublik verbunden ist, auch wenn dies in den offiziellen Museen lange Zeit kaum Beachtung fand.

Die Einzelheiten – Einblicke in die kuratorische Arbeit

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau stützt sich auf eine Vielzahl von Exponaten, die den Alltag, die Kämpfe und die kreative Ausdruckskraft der Migranten in Kreuzberg dokumentieren. Ein bemerkenswertes Beispiel aus dem Fundus der Schau ist das Werk von Evelyn Kuwertz, die den U-Bahnhof Gleisdreieck im Jahr 1979 in einer Weise festhielt, die den Geist der Zeit atmet. Die Kuratoren haben es geschafft, Arbeiten zusammenzutragen, die weit über das hinausgehen, was man gemeinhin unter dem klassischen deutschen Kunstbegriff versteht. Es geht nicht um die monumentalen, oft düsteren und mit schwerer Symbolik aufgeladenen Werke, wie sie etwa Anselm Kiefer produziert. Stattdessen präsentiert die Schau eine Vielfalt an Ausdrucksformen, die sich nicht in den üblichen Kategorien von „deutscher Geschichte“ oder „uralten Mythen“ erschöpfen. Die Werke zeugen von einer anderen Art der Auseinandersetzung mit dem Leben in einer neuen Heimat. Dabei wird deutlich, dass die künstlerische Produktion in Kreuzberg seit 1960 eine eigene Dynamik entwickelte, die von den Lebensumständen der Gastarbeiter geprägt war. Die Namen und Orte, die in der Ausstellung auftauchen, verweisen auf ein Netzwerk aus Ateliers, Wohnungen und öffentlichen Räumen, die den Stadtteil Kreuzberg zu einem Zentrum für diese neue, migrantische Kunst machten.

Hintergrund – Die Monokultur des Kunstbetriebs

Um die Bedeutung dieser Ausstellung zu verstehen, muss man den aktuellen Zustand des deutschen Kunstbetriebs betrachten. Kritiker weisen darauf hin, dass die politische Klasse in Deutschland eine bemerkenswerte Vorliebe für eine sehr spezifische Form der Kunst hegt. Wenn Spitzenpolitiker Ausstellungen besuchen, dann ist dies oft mit Namen wie Anselm Kiefer verbunden. Dessen Werk, das durch Stroh, Blei, Stacheldraht und düstere Wachturm-Motive geprägt ist, scheint für die offizielle Repräsentation als Synonym für „tiefe“ deutsche Kunst zu gelten. Die Einbindung von Zitaten des Dichters Paul Celan in diese Bilder dient dabei oft als Garant für eine vermeintliche intellektuelle Schwere, die auch dem unbedarftesten Betrachter signalisiert, dass es hier um „große Themen“ geht. Diese Fixierung auf einen engen, historisch aufgeladenen Kunstbegriff hat dazu geführt, dass andere Strömungen – insbesondere jene, die aus der Erfahrung der Migration entstanden sind – in den großen Institutionen lange Zeit unterrepräsentiert blieben. Die Ausstellung im Gropius-Bau ist somit auch eine Reaktion auf diese einseitige Wahrnehmung. Sie stellt die Frage, warum bestimmte künstlerische Positionen als „kanonisch“ gelten, während andere, die ebenso stark von der gesellschaftlichen Realität zeugen, in den Schatten gedrängt wurden.

Die Beteiligten – Institutionen und Akteure

Im Zentrum der Betrachtung steht der Martin-Gropius-Bau als Institution, die mit dieser Ausstellung ein deutliches Signal setzt. Die Kuratoren und die beteiligten Künstler, darunter Evelyn Kuwertz, deren Werk exemplarisch für die dokumentarische Kraft der Schau steht, bilden das Rückgrat dieses Projekts. Auf der anderen Seite stehen die Akteure des politischen Establishments, deren Abwesenheit bei solchen Ausstellungen als Indikator für eine mangelnde Wertschätzung oder ein Desinteresse an der Vielfalt der deutschen Gesellschaft interpretiert wird. Die Diskrepanz zwischen dem, was politisch gefördert wird – etwa die monumentale Kunst eines Anselm Kiefer – und dem, was in den Straßen von Kreuzberg tatsächlich an Kunst entstanden ist, wird hier zum zentralen Thema. Die Ausstellung fungiert als Spiegel, in dem sich nicht nur die Künstler, sondern auch die Betrachter und die Entscheidungsträger selbst hinterfragen müssen. Es geht um die Frage, wer den Zugang zu den Räumen der Hochkultur bestimmt und welche Geschichten dort erzählt werden dürfen. Die Schau ist ein Plädoyer für eine Erweiterung des Blickfeldes und eine Anerkennung der Lebensleistungen derjenigen, die das Land über Jahrzehnte hinweg mitaufgebaut haben.

Einordnung – Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Einzuordnen ist die Ausstellung im Gropius-Bau als ein notwendiger Korrekturversuch. Wenn man den Zustand eines Landes verstehen will, so legen die Berichte nahe, muss man sich genau ansehen, welche Kunst die Machthaber bevorzugen und welche sie ignorieren. Die Monokultur, die sich in der Vorliebe für bestimmte, historisch schwer belastete Kunstformen zeigt, offenbart eine gewisse Angst vor der Komplexität der Gegenwart. Die Kunst aus Kreuzberg hingegen, die seit 1960 entstanden ist, ist eine Kunst der unmittelbaren Erfahrung, des Aufbruchs und der Auseinandersetzung mit einer fremden Umgebung. Sie ist weniger mit nationalen Mythen beschäftigt als vielmehr mit der harten Realität des Ankommens und des Bleibens. Den Berichten zufolge ist diese Ausstellung eine Entdeckung, weil sie zeigt, dass die deutsche Kunstgeschichte ohne die Perspektive der Migranten unvollständig bleibt. Es ist eine Einladung, den Blick von den gewohnten Pfaden abzuwenden und sich auf eine Ästhetik einzulassen, die nicht durch „düstere Symbolik“ besticht, sondern durch ihre Authentizität und ihre Nähe zum Leben der Menschen in einem sich wandelnden Stadtteil.

Offene Fragen – Was die Schau nicht beantwortet

Obwohl die Ausstellung eine Fülle an Material bietet, bleiben einige Fragen unbeantwortet. So wird im Quelltext nicht explizit darauf eingegangen, wie die Auswahl der gezeigten Künstler getroffen wurde und welche Kriterien für die Aufnahme in die Schau ausschlaggebend waren. Auch bleibt offen, ob die Ausstellung eine dauerhafte Veränderung in der Programmgestaltung des Martin-Gropius-Baus oder anderer großer Museen bewirken wird oder ob es sich um ein isoliertes Ereignis handelt. Es wird nicht erläutert, wie die breite Öffentlichkeit auf die Schau reagiert und ob die politische Klasse ihre bisherige Präferenz für die etablierte „Kiefer-Ästhetik“ angesichts dieser neuen Impulse überdenken wird. Zudem fehlen detaillierte Informationen darüber, welche Rolle die finanzielle Förderung durch staatliche oder private Stellen spielte und ob es innerhalb der Kunstszene Widerstände gegen eine solche Neuausrichtung des Kanons gibt. Die Lücken in der Berichterstattung lassen Raum für Spekulationen über die langfristigen Auswirkungen dieser Ausstellung auf die deutsche Kulturpolitik und den Umgang mit dem Erbe der Gastarbeiter-Generation.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/licht-stadt-menschen-gebaude-9645194/ · Foto: Didem Kalaycı
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/kreuzberg-kunst-und-migration-seit-1960-im-gropius-bau-201307450.html