Was geschehen ist – die Kernmeldung
In ihrem gemeinsamen Buchprojekt „Unsere Väter“ setzen sich die vier bekannten Persönlichkeiten Natalie Amiri, Minu Barati, Shila Behjat und Düzen Tekkal intensiv mit der Lebensgeschichte und dem Einfluss ihrer Väter auseinander. Die Autorinnen, die allesamt als Journalistinnen, Filmemacherinnen oder Menschenrechtsaktivistinnen in der deutschen Öffentlichkeit stehen, reflektieren in diesem Werk ihre eigene Sozialisation als Töchter von Migranten. Dabei beleuchten sie das Spannungsfeld zwischen der Herkunft ihrer Väter aus dem Iran und der Türkei sowie ihrem heutigen Leben als erfolgreiche, emanzipierte Frauen in der Bundesrepublik. Die Entstehung des Buches ist dabei ebenso ungewöhnlich wie sein Inhalt: Der Anstoß kam von einem der Väter selbst während eines geselligen Grillabends. Das Werk versteht sich nicht als klassischer Sammelband, sondern als ein fortlaufender Dialog, der sich aus gemeinsamen Gesprächen, einer eigens eingerichteten Chatgruppe und intensiven Reflexionen speist. Es ist ein vielschichtiges Porträt, das den Bogen von der Fluchtgeschichte der Elterngeneration bis hin zur heutigen, aktiven Rolle der Töchter in der deutschen Gesellschaft spannt.
Die Einzelheiten – Fakten und Hintergründe
Die Väter der Autorinnen sind heute in ihren Achtzigern und kamen als junge Männer nach Deutschland, um zu arbeiten oder zu studieren. Ihre Biografien sind geprägt von der Flucht vor politischer oder religiöser Verfolgung, sei es als Kurden, Jesiden oder Bahai. Zu den genannten Vätern gehören Mehran Barati, Roohollah Amiri und Seyhmus Tekkal. Die Lebenswege dieser Männer sind traumatisch: Mehran Barati entkam 1992 nur knapp dem Mykonos-Attentat in Berlin-Wilmersdorf, einem Anschlag auf kurdische Exilpolitiker. Seyhmus Tekkal wiederum wurde 1990 bei einem Heimatbesuch in der Türkei verhaftet und in dem berüchtigten Militärgefängnis von Diyarbakir, der sogenannten „Hölle von Diyarbakir“, brutal gefoltert. Diese Erfahrungen prägten nicht nur die Männer selbst, sondern auch ihre Töchter nachhaltig. Düzen Tekkal etwa wurde nach dem IS-Überfall auf die Jesiden im Shingal im Jahr 2014 zur Chronistin des Völkermordes, während Minu Barati bereits als Kind an politischen Demonstrationen teilnahm. Shila Behjat setzt sich heute aktiv für die Rechte der Bahai ein, deren Verfolgung ihr Vater ihr bereits früh vermittelte.
Hintergrund – Die Geschichte der Väter
Die Väter der Autorinnen haben in Deutschland ein neues Leben aufgebaut, das weit länger andauert als die Zeit, die sie in ihren Herkunftsländern verbrachten. Dennoch bleibt die Verbindung zur Heimat bestehen, oft vermittelt durch moderne Technik wie das Smartphone. Die Autorinnen beschreiben in ihrem Buch, wie ihre Väter – entgegen mancher Klischees über orientalische Patriarchen – ihre Töchter in ihrer Unabhängigkeit unterstützten. Sie sorgten sich um deren Bildung, förderten ihre Karrieren und halfen ihnen, sich in der deutschen Gesellschaft zu behaupten, auch wenn dies gesellschaftliche Normen ihrer Herkunftskultur, etwa in der jesidischen Gemeinschaft, herausforderte. Die Väter forderten dabei stets Höchstleistungen, getrieben von der Sorge, ihre Kinder könnten hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Diese Dynamik zwischen väterlichem Anspruch und dem Wunsch der Töchter nach Anerkennung bildet einen zentralen Strang der Erzählung. Es ist eine Geschichte von Überlebenswillen, Sprachlosigkeit und dem Versuch, traumatische Erfahrungen in ein Leben in der Diaspora zu integrieren.
Die Beteiligten – Ein Netzwerk aus Töchtern
Die Autorinnen Natalie Amiri, Minu Barati, Shila Behjat und Düzen Tekkal bilden das Zentrum dieses Projekts. Sie werden im Buch als „Überperformerinnen“ beschrieben, die sich in der Mitte ihres Lebens befinden und auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken können. Die Dynamik zwischen den Frauen ist ein wesentlicher Bestandteil des Werks. Sie nutzen eine gemeinsame Chatgruppe, den sogenannten „Baba Book Club“, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Dabei fungieren sie gegenseitig als Spiegel. Wenn eine von ihnen über die Eigenheiten oder die Strenge ihres Vaters berichtet, erkennen sich die anderen oft wieder oder entdecken markante Unterschiede. Die Väter selbst sind nicht nur passive Subjekte der Erzählung, sondern treten als Akteure auf, die den Prozess des Schreibens aktiv mitgestaltet haben. Die Interaktion zwischen den vier Frauen wird dabei als ein Akt der Freundinnenschaft beschrieben, der über das bloße Schreiben hinausgeht und eine tiefere Verbundenheit schafft.
Einordnung – Das Erbe der Transformation
Einzuordnen ist das Buch als ein Versuch, das Erbe der Elterngeneration nicht einfach nur zu verwalten, sondern es in die Gegenwart zu transformieren. Minu Barati beschreibt diesen Prozess treffend als eine Transformation der Aufgaben. Es geht nicht um eine bloße Übergabe des Staffelstabs, sondern darum, die Erfahrungen der Väter in die eigene Sprache und in den Kontext der deutschen Gesellschaft zu übersetzen. Die Autorinnen nutzen ihre Zugänge zu Medien und Institutionen, um die Themen ihrer Väter – wie Menschenrechte, Verfolgung und Minderheitenschutz – in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Dabei wird deutlich, dass das, was die Väter erlebt haben, kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte ist. Der Terror gegen die eigene Bevölkerung, die Diskriminierung von Jesiden oder Bahai ist weiterhin präsent. Die Töchter nehmen hierbei eine aktive Rolle ein, indem sie die Anliegen ihrer Väter mit den Mitteln der modernen, demokratischen Gesellschaft weiterführen und politisch hörbar machen.
Offene Fragen – Was das Buch nicht klärt
Obwohl das Buch einen tiefen Einblick in die privaten und politischen Welten der Familien gewährt, bleiben naturgemäß Lücken. Das Werk konzentriert sich primär auf die Perspektive der vier Frauen und ihrer Väter. Wie die weiteren Geschwister – Düzen Tekkal hat beispielsweise zehn Geschwister – das Erbe der Väter wahrnehmen und verarbeiten, wird nur am Rande angedeutet. Auch die Frage, wie die Mütter der Autorinnen in diesem komplexen Beziehungsgeflecht agieren, wird nicht in den Fokus gerückt. Das Buch ist explizit als ein Werk über die Väter konzipiert, wodurch die mütterliche Perspektive oder die Rolle der erweiterten Familie in der Diaspora weitgehend ausgeklammert bleibt. Zudem bleibt offen, wie die Väter selbst die Veröffentlichung ihrer intimsten Geschichten und die öffentliche Aufarbeitung ihrer Traumata langfristig bewerten, da der Fokus auf dem Prozess des Schreibens und dem Austausch in der Chatgruppe liegt.
Wie es weitergeht – Ein fortwährender Prozess
Das Buch ist mit seiner Veröffentlichung im Hanser Verlag zwar abgeschlossen, doch die Thematik bleibt für die Autorinnen ein fortwährender Prozess. Die im Buch beschriebene „Baba-Chatgruppe“ dient den Frauen weiterhin als Ort des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung. Die angekündigten Schritte liegen nun vor allem in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Werk. Durch Lesungen, Diskussionen und die mediale Präsenz der vier Autorinnen wird das Thema der migrantischen Väter und der Rolle ihrer Töchter weiter in den gesellschaftlichen Diskurs getragen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die politische Arbeit der Frauen endet; vielmehr scheint das Buch ein Ventil zu sein, um die persönliche Last des Erbes in eine kollektive Stärke zu verwandeln. Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, an diesem Dialog teilzuhaben, während die Autorinnen ihre Arbeit als Journalistinnen und Aktivistinnen fortsetzen, stets im Bewusstsein der Geschichte, die sie nun für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht haben.
Reflexion über das Menschliche
Die Stärke des Buches liegt laut der Berichterstattung in seiner Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Hilflosigkeit und den Peinlichkeiten, die mit der Aufarbeitung der Vater-Tochter-Beziehung einhergehen. Die Autorinnen stellen sich Fragen wie „Kann ich das überhaupt schreiben?“, was die menschliche Komponente des Projekts unterstreicht. Es ist ein Buch, das den Schmerz der physischen Trennung von der Heimat ebenso thematisiert wie die komischen Momente des Alltags, etwa wenn Natalie Amiri beschreibt, wie ihr Vater im ICE ein ganzes Arsenal an Lebensmitteln auspackt und an Fremde verteilt. Diese Szenen machen das Buch nahbar und nehmen ihm die Schwere, die durch die politischen Hintergründe der Fluchtgeschichten entstehen könnte. Es ist ein Werk über das Menschliche in einer unmenschlichen Welt, über die Liebe zwischen Vätern und Töchtern und über die Kraft, die aus der gemeinsamen Bewältigung der Vergangenheit erwächst. Die Redundanzen, die dem Buch stellenweise zugeschrieben werden, treten hinter der emotionalen Tiefe zurück, die das Werk als ein Zeugnis von Freundinnenschaft und familiärer Verbundenheit auszeichnet.