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Energie-Entkoppelung: So abhängig ist Europa noch von Russland
Politik · 24.10.2026 10:27

Energie-Entkoppelung: So abhängig ist Europa noch von Russland

Kurz: Trotz des Ziels der Energieunabhängigkeit bleibt Europa in Teilbereichen wie Uran und Öl weiter von Russland abhängig. Ein Überblick zur aktuellen Lage.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Seit dem Beginn des russischen Vollangriffs auf die Ukraine verfolgt die Europäische Union das erklärte Ziel, sich vollständig von russischen Energieträgern zu lösen. Die Bilanz im Oktober 2026 zeigt ein differenziertes Bild: Während bei Erdgas signifikante Erfolge erzielt wurden, erweisen sich andere Sektoren als deutlich hartnäckiger. Besonders die Abhängigkeit bei Uran und die anhaltende Nutzung von russischem Öl in einigen Mitgliedsstaaten stellen die europäische Energiepolitik vor große Herausforderungen. Experten und politische Akteure betonen, dass die Entkoppelung zwar in Teilbereichen gelungen ist, strategische Abhängigkeiten jedoch fortbestehen. Die geopolitische Lage wird zusätzlich durch unvorhersehbare Entwicklungen wie die Energiepolitik der US-Regierung unter Donald Trump verkompliziert, die durch den sogenannten Dieseldeal mit dem Kreml für neue politische Spannungen innerhalb der transatlantischen Beziehungen sorgt. Die EU sieht sich somit mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Strategien zur Diversifizierung der Energieversorgung weiter zu verschärfen, um nicht erneut in eine Situation der Erpressbarkeit durch Russland zu geraten, wie sie vor dem Jahr 2022 existierte.

Die Einzelheiten der Energieimporte

Die Zahlen, die das Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) im Rahmen des „Russia Fossil Tracker“ erhoben hat, sind alarmierend: Die 27 EU-Mitgliedsstaaten haben seit Kriegsbeginn rund 238 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas an Russland gezahlt. Diese Summen, so die Kritik der Europaabgeordneten Hanna Gedin von der schwedischen Vänsterpartiet, finanzieren direkt die russischen Raketen- und Drohnenangriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung. Während die Gaseinfuhren um drei Viertel reduziert werden konnten und ab dem kommenden Jahr ein vollständiges Verbot für Flüssiggas (LNG) sowie ab dem Herbst für Pipeline-Gas greift, bleibt die Lage beim Öl komplexer. Zwar ist der Anteil russischen Öls insgesamt stark gesunken, doch Länder wie Ungarn und die Slowakei sind weiterhin über die „Druschba“-Pipeline auf Lieferungen angewiesen. Diese Abhängigkeiten lassen sich, wie Beobachter feststellen, nicht kurzfristig auflösen. Auch bei der Kernenergie zeigt sich eine Beharrlichkeit: Die Importmengen von Uran aus Russland sind seit Jahren nahezu konstant geblieben, wobei der russische Staatskonzern Rosatom seine Marktpräsenz in der EU sogar ausbauen konnte.

Hintergrund der Energieabhängigkeit

Die Vorgeschichte der heutigen Situation ist geprägt von einer jahrzehntelangen, tiefen Integration der europäischen Märkte in russische Lieferketten. Vor dem Jahr 2022 stammte die Hälfte der europäischen Gasimporte direkt aus Russland, was Moskau eine enorme machtpolitische Hebelwirkung verlieh. Diese historische Abhängigkeit wurde nach dem Überfall auf die Ukraine als sicherheitspolitisches Risiko erkannt und führte zu einer beispiellosen Kehrtwende in der Energiepolitik. Dennoch zeigt sich, dass die Umstellung der Infrastruktur und der Lieferketten Zeit benötigt. Während der Ausstieg aus Gas und Öl durch politische Beschlüsse und den Aufbau neuer Handelsrouten vorangetrieben wurde, ist die Situation bei der Kernenergie technisch komplizierter. Hier spielen langjährige Verträge, spezifische Anreicherungstechnologien und die Bauweise der Reaktoren eine entscheidende Rolle. Fünf EU-Staaten betreiben Reaktoren russischer Bauart, was die Abhängigkeit von russischem Know-how und Brennstofflieferungen zementiert. Ein französischer Abgeordneter der Renew-Fraktion, Pascal Canfin, merkt an, dass die Diversifizierung bei Uran aufgrund der technischen Spezifikationen und der globalen Marktstruktur schwieriger umzusetzen ist als bei fossilen Energieträgern.

Die Beteiligten und ihre Positionen

Die Debatte wird von einer Vielzahl an Akteuren geführt. Auf der Expertenseite mahnt Ben McWilliams von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel zur Wachsamkeit. Er sieht insbesondere in der Uran-Abhängigkeit eine strategische Gefahr, auch wenn die finanziellen Volumina geringer sind als bei Öl und Gas. Politisch wird das Thema im Europäischen Parlament intensiv debattiert. Die Abgeordnete Hanna Gedin fordert von der EU-Kommission mehr Mut und eine klare Gesetzgebung für den vollständigen Ausstieg aus russischem Öl. Der Sozialdemokrat Jens Geier betont die moralische und politische Dringlichkeit, das Abhängigkeitsverhältnis zu einem „Kriegstreiber“ schnellstmöglich zu beenden. Auf der anderen Seite steht die US-Regierung unter Donald Trump, deren Vorgehen – insbesondere der Dieseldeal mit Putin – von europäischen Experten wie McWilliams scharf kritisiert wird. Er warnt davor, dass Trumps Russland-Diplomatie keinen Einfluss auf den europäischen Kurs haben dürfe. Auch die Industrie ist involviert: So kooperieren Unternehmen wie die französische Framatome und das russische Staatsunternehmen Rosatom in einem Joint-Venture, um Brennelemente im niedersächsischen Lingen zu produzieren.

Einordnung der aktuellen Entwicklung

Einzuordnen ist die aktuelle Lage als ein schwieriger Spagat zwischen ökonomischer Notwendigkeit und sicherheitspolitischer Souveränität. Den Berichten zufolge ist die EU zwar auf einem guten Weg, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland zu minimieren, doch die verbleibenden Lücken werden von Russland gezielt genutzt. Die Abhängigkeit bei der Kernenergie wird von Experten als „blinder Fleck“ bezeichnet. Während Öl und Gas die unmittelbare Kriegsmaschinerie finanzieren, sichert Uran die langfristige strategische Bindung an russische Technologie. Ein weiterer Aspekt der Einordnung ist die Gefahr einer neuen Abhängigkeit: Pascal Canfin warnt davor, dass der massive Ausbau erneuerbarer Energien in der EU zu einer neuen, kritischen Abhängigkeit von China führen könnte, insbesondere bei der Produktion von Solarpaneelen und Windkraftanlagen. Die europäische Energiepolitik steht somit vor der Herausforderung, nicht nur die russische Dominanz zu brechen, sondern gleichzeitig eine neue, breitere Abhängigkeit von anderen globalen Akteuren zu vermeiden, um die strategische Autonomie langfristig zu sichern.

Offene Fragen und Lücken im Quelltext

Der vorliegende Quelltext lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, welche konkreten rechtlichen oder technischen Hürden den von der EU-Kommission versprochenen Plan zum Ausstieg aus russischem Öl bisher blockieren und warum dieser noch immer nicht vorliegt. Ebenso fehlen detaillierte Informationen darüber, wie die betroffenen Staaten wie Ungarn und die Slowakei ihre Abhängigkeit von der „Druschba“-Pipeline konkret beenden wollen oder ob es hierfür bereits belastbare Zeitpläne gibt. Auch die genauen Auswirkungen des US-Dieseldeals auf die europäischen Märkte und die damit verbundenen Sanktionsaussetzungen durch Trump werden zwar als „neuer Zündstoff“ bezeichnet, eine detaillierte Analyse der Auswirkungen auf die europäischen Spritpreise oder die Handelsströme bleibt jedoch aus. Zudem wird nicht explizit ausgeführt, welche konkreten Maßnahmen die EU ergreift, um die Abhängigkeit bei der Produktion von Solarpaneelen und Windrädern von China zu verhindern, obwohl dieses Risiko als „nächste Gefahr“ explizit benannt wird. Die Lücke zwischen den Absichtserklärungen und der tatsächlichen industriellen Umsetzung bei der Uran-Diversifizierung bleibt ebenfalls vage.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/malerische-landschaften-von-coesfeld-mit-windkraftanlage-40256764/ · Foto: Sergej *****
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/abhaengigkeit-russische-energie-100.html