Ein Gottesdienst, der neue Wege geht
In der evangelischen Kreuzkirche in Fulda hat sich über die vergangenen zwei Jahrzehnte ein Gottesdienstformat etabliert, das mit gängigen Konventionen bricht und damit beachtliche Erfolge erzielt. Unter der Bezeichnung "AAAanderer Gottesdienst" – wobei die drei A für "Ausschlafen, Aufatmen und Aufeinander zugehen" stehen – hat die Gemeinde ein Angebot geschaffen, das sich deutlich von den klassischen sonntäglichen Zusammenkünften abhebt. Pfarrer Stefan Bürger, der das Format maßgeblich geprägt hat, beschreibt es als eine bewusste Abkehr vom Üblichen. Statt eines starren Ablaufs erwartet die Besucher eine Atmosphäre, die durch moderne christliche Popmusik, lebensnahe Themen und eine entspannte Stimmung geprägt ist. Der Erfolg gibt diesem Konzept recht: Während herkömmliche Gottesdienste in der Stadtteilkirche oft nur rund 30 Besucher anziehen, verzeichnet das alternative Format im Durchschnitt etwa 100 Gäste. Diese Verdreifachung der Teilnehmerzahlen unterstreicht, dass das Angebot einen Nerv bei den Menschen trifft, die sich von traditionellen kirchlichen Strukturen möglicherweise nicht mehr in gleichem Maße angesprochen fühlen. Das Jubiläum zum 20-jährigen Bestehen im November markiert einen Meilenstein für die Gemeinde, die sich in einer Zeit, in der viele Kirchen mit schwindenden Mitgliederzahlen kämpfen, als lebendiger Ort der Begegnung behauptet.
Struktur und Ablauf des besonderen Formats
Der "AAAanderer Gottesdienst" findet in einem Rhythmus von vier bis fünfmal pro Jahr statt und zeichnet sich durch eine gezielte Ausrichtung auf die Bedürfnisse moderner Lebenswelten aus. Ein zentraler Aspekt ist die Uhrzeit: Mit dem Beginn um 11 Uhr trägt die Gemeinde dem Wunsch nach einem entspannten Sonntagmorgen Rechnung, da die übliche Zeit um 10 Uhr für viele Familien als unpraktisch empfunden wird. Auch das äußere Erscheinungsbild des Pfarrers bricht mit der Tradition; Stefan Bürger verzichtet bei diesen Anlässen bewusst auf den Talar und tritt in Alltagskleidung wie Jeans, T-Shirt und Kapuzenjacke auf. Musikalisch wird der Gottesdienst nicht von der klassischen Orgel, sondern von einer eigenen Band begleitet, die seitlich neben dem Altar mit Bass, Schlagzeug und Gesang für eine zeitgemäße musikalische Untermalung sorgt. Ein wesentlicher Bestandteil ist zudem die Gastfreundschaft nach dem offiziellen Teil. Ein spezielles Team kümmert sich um die Verpflegung, sodass im Anschluss an den Gottesdienst bei einem Imbiss Raum für persönlichen Austausch und Gespräche über die behandelten Themen besteht. Diese Kombination aus geistlichem Impuls und sozialem Miteinander bildet das Rückgrat des Konzepts.
Die Entstehungsgeschichte des Fuldaer Modells
Die Anfänge des Formats reichen zurück in das Jahr 2006. Pfarrer Stefan Bürger ließ sich bei der Konzeption von den "Go Special"-Gottesdiensten inspirieren, die in der Gemeinde Eschborn-Niederhöchstadt im Main-Taunus-Kreis angeboten wurden. Ziel war es, ein Angebot zu schaffen, das Menschen erreicht, die im Alltag selten Berührungspunkte mit der Kirche haben. Über die Jahre hinweg hat sich das Format stetig weiterentwickelt und ist zu einer festen Größe in der osthessischen Kirchenlandschaft geworden. Die Entscheidung, alternative Wege zu gehen, fiel in einer Zeit, in der die Bindung zwischen Kirche und Gesellschaft vielerorts abnahm. Die Kreuzkirche in Fulda-Neuenberg hat sich jedoch entschieden, aktiv gegenzusteuern. Durch die konsequente Ausrichtung auf lebensnahe Inhalte und eine niederschwellige Ansprache konnte die Gemeinde nicht nur ihre Attraktivität steigern, sondern auch baulich wachsen. Während andernorts Kirchen geschlossen oder umgewidmet werden – bis hin zur Nutzung als Kletterzentrum –, hat die Kreuzkirche in den vergangenen Jahren sogar einen Anbau errichtet, um dem gestiegenen Bedarf und den vielfältigen Aktivitäten gerecht zu werden.
Die Akteure hinter dem Erfolg
Ein wesentlicher Faktor für das Gelingen des "AAAanderen Gottesdienstes" ist die breite Unterstützung durch Ehrenamtliche. Pfarrer Stefan Bürger betont ausdrücklich, dass es sich hierbei keinesfalls um eine "One-Man-Show" handelt. Zwischen 30 und 40 engagierte Helfer wirken bei jedem Gottesdienst mit und tragen maßgeblich zum reibungslosen Ablauf bei. Besonders hervorzuheben ist das "Team Gastfreundschaft", das nach dem Gottesdienst für die Verpflegung sorgt und somit den Rahmen für den sozialen Austausch schafft. Auch die Pröpstin des Sprengels Hanau-Hersfeld, Sabine Kropf-Brandau, würdigt das Engagement und die Innovationskraft der Gemeinde. Sie beschreibt Pfarrer Bürger als einen "Socializer, Netzwerker und Kommunikator", dem es gelungen sei, Menschen zu aktivieren und einzubinden. Diese kollektive Anstrengung ist es, die dem Gottesdienst seine besondere Dynamik verleiht. Neben den Ehrenamtlichen vor Ort spielt auch die digitale Präsenz eine Rolle: Die Gemeinde nutzt soziale Medien wie Facebook und Instagram sowie einen eigenen YouTube-Kanal, um auch jene zu erreichen, die nicht persönlich vor Ort sein können, und um die Reichweite des Angebots über die Stadtgrenzen hinaus zu vergrößern.
Einordnung der gesellschaftlichen Relevanz
Einzuordnen ist der Erfolg des Fuldaer Modells als ein Zeichen für den Wunsch nach zeitgemäßer Spiritualität. Die Themenwahl spielt dabei eine zentrale Rolle: Pfarrer Bürger greift Anregungen aus der öffentlichen Diskussion, dem Zeitgeist, Büchern, Musik und Filmen auf. Dabei wird nicht vor schwierigen Themen zurückgeschreckt; selbst Suizid wurde bereits thematisiert, was zu einer tiefen emotionalen Resonanz bei den Besuchern führte. Die Sprache ist dabei bewusst einfach und nicht-theologisch gehalten, um niemanden auszuschließen. Dass jeder fünfte Besucher katholisch ist, ist in der katholisch geprägten Region Fulda ein bemerkenswerter Umstand, der die überkonfessionelle Anziehungskraft des Formats unterstreicht. Den Berichten zufolge suchen die Menschen in der Kirche keine Langeweile, sondern Begeisterung und lebensnahe Impulse. Die Tatsache, dass die Gemeinde gegen den allgemeinen Trend wächst, zeigt, dass das Angebot einer "Kirche der offenen Tür" und der Fokus auf Gemeinschaft und aktuelle Lebensfragen eine Antwort auf die Bedürfnisse vieler Menschen in der heutigen Gesellschaft sein können.
Offene Fragen und Herausforderungen
Der Quelltext lässt einige Aspekte unbeantwortet, die für eine vollständige Analyse des Phänomens von Interesse wären. So bleibt offen, wie genau die Altersstruktur der Besucher des "AAAanderen Gottesdienstes" aussieht und ob das Format tatsächlich eine dauerhafte Bindung der "kirchenfernen" Besucher an die Gemeinde bewirkt oder ob es eher ein punktuelles Event-Erlebnis bleibt. Auch die genaue Finanzierung des Angebots, insbesondere im Hinblick auf den Anbau und die regelmäßige Verpflegung der Gäste, wird nicht explizit thematisiert. Zudem bleibt die Frage, inwieweit das Modell auf andere Gemeinden übertragbar ist, die möglicherweise nicht über eine vergleichbare personelle Ausstattung mit 30 bis 40 Ehrenamtlichen verfügen. Auch die langfristige strategische Planung, wie man das Format über das 20-jährige Jubiläum hinaus attraktiv hält, ohne sich inhaltlich zu wiederholen, wird im vorliegenden Text nicht weiter ausgeführt. Diese Lücken zeigen, dass der Erfolg eines solchen Projekts stark von der spezifischen lokalen Dynamik und dem individuellen Engagement der beteiligten Personen abhängt.
Ausblick und bevorstehende Termine
Die Planungen für die Zukunft des "AAAanderen Gottesdienstes" sind bereits konkret. Am 8. November steht ein bedeutendes Ereignis an: Das 20-jährige Jubiläum des Formats wird mit dem 111. Gottesdienst gefeiert. Unter dem Motto "Nicht nur dabei!" soll dieser Anlass genutzt werden, um die vielen Ehrenamtlichen zu würdigen, die das Projekt über zwei Jahrzehnte hinweg getragen haben. Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr in der Haderwaldstraße 89a in Fulda. Neben dem inhaltlichen Programm ist auch für das leibliche Wohl gesorgt; es werden Grillwürstchen, Champignons sowie Kaffee und Kuchen angeboten. Der Gottesdienst wird zudem live auf YouTube übertragen, um Interessierten die Teilnahme auch aus der Ferne zu ermöglichen. Damit setzt die Gemeinde ihre Strategie fort, Tradition mit moderner Kommunikation zu verbinden. Ob und in welcher Form das Format in den kommenden Jahren weiterentwickelt wird, bleibt abzuwarten, doch die bisherige Erfolgsgeschichte und die stabile Besucherzahl lassen darauf schließen, dass die Kreuzkirche auch weiterhin auf dieses bewährte Konzept setzen wird.