Was geschehen ist: Amazon strebt Milliarden-Übernahme an
Der US-Technologieriese Amazon befindet sich in fortgeschrittenen Verhandlungen zur Übernahme des KI-Start-ups Decart. Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf informierte Kreise berichtet, liegt das Volumen des geplanten Deals bei rund sieben Milliarden US-Dollar. Die Nachricht folgt auf frühere Berichte des israelischen Onlinemagazins Calcalist, das bereits Anfang Oktober 2026 darauf hingewiesen hatte, dass sich das junge Unternehmen in exklusiven Gesprächen mit einem bedeutenden Technologiekonzern befinde. Mit dieser Akquisition möchte Amazon seine strategische Position im Bereich der Künstlichen Intelligenz massiv ausbauen. Im Zentrum steht dabei die technologische Unabhängigkeit von Marktführern wie Nvidia. Durch die Integration der Software-Lösungen von Decart will Amazon seine eigenen KI-Chips, insbesondere die Trainium-Reihe, für Unternehmenskunden deutlich attraktiver gestalten. Die Transaktion wäre ein bedeutender Schritt für den Cloud-Giganten AWS, um die Hürden für Kunden zu senken, die ihre KI-Modelle von herkömmlichen Nvidia-GPUs auf die hauseigene AWS-Infrastruktur migrieren möchten. Die Verhandlungen markieren einen der bisher größten Schritte in Amazons Bemühungen, die technologische Souveränität über die gesamte KI-Wertschöpfungskette zu erlangen.
Die Einzelheiten: Technologie, Köpfe und Marktdaten
Das 2023 gegründete Start-up Decart hat sich trotz seiner kurzen Firmengeschichte als hochspezialisierter Akteur etabliert. Das Herzstück des Unternehmens ist der sogenannte Decart Optimization Stack, kurz DOS. Diese Software-Schicht ermöglicht es, KI-Modelle nicht nur bis zu viermal schneller auszuführen, sondern auch die Kosten für den Betrieb signifikant zu senken. Ein entscheidender Vorteil ist die Portabilität: Die Technologie erlaubt den reibungslosen Wechsel zwischen verschiedenen Chip-Architekturen, etwa von Nvidia-GPUs hin zu AWS Trainium-Chips. Neben DOS hat Decart mit den KI-Modellen Lucy und Oasis innovative Technologien zur Live-Videobearbeitung sowie zur Echtzeit-Generierung interaktiver 3D-Weltmodelle für die Bereiche Gaming und Robotik entwickelt. Gegründet wurde das Unternehmen von den israelischen Experten Dean Leitersdorf, der als CEO fungiert, seinem Bruder Orian Leitersdorf als Chief Scientist sowie Moshe Shalev. Shalev bringt umfangreiche Erfahrung mit, da er zuvor fast 14 Jahre lang große KI-Infrastrukturen in der israelischen Cyber-Spezialeinheit 8200 verantwortete. Obwohl das Unternehmen seinen Hauptsitz mittlerweile von Tel Aviv nach San Francisco verlegt hat, bleibt ein wesentlicher Teil der Forschung und Entwicklung am israelischen Standort verankert. Die Belegschaft umfasst lediglich 50 bis 80 Mitarbeiter, was den hohen Kaufpreis pro Kopf unterstreicht.
Hintergrund: Ein rasanter Aufstieg und gescheiterte Deals
Die Bewertung von sieben Milliarden US-Dollar stellt einen massiven Aufschlag dar, wenn man bedenkt, dass das Unternehmen erst im Mai 2026 in einer Finanzierungsrunde mit rund vier Milliarden US-Dollar bewertet wurde. Damals konnte das Start-up 300 Millionen US-Dollar einsammeln. Die Entwicklung von Decart verlief in den vergangenen Monaten äußerst dynamisch. Bereits im Frühsommer 2026 gab es erste Anzeichen für ein massives Interesse aus der Branche, wobei Nvidia selbst über eine Übernahme oder eine engere strategische Beteiligung verhandelte. Im August berichteten Bloomberg und Reuters zudem, dass das KI-Unternehmen Anthropic Interesse an einer Akquisition im Bereich von sechs bis sieben Milliarden US-Dollar bekundet hatte. Diese Verhandlungen scheiterten jedoch im September überraschend. Nach einer intensiven Due-Diligence-Prüfung, bei der sowohl die Bücher als auch die Lizenzverhältnisse genau unter die Lupe genommen wurden, brach Anthropic die Gespräche ab. Dass Amazon nun als potenzieller Käufer auftritt, zeigt, wie begehrt die Technologie hinter Decart ist, um die Abhängigkeit von der Nvidia-Hardware-Dominanz zu brechen und die eigene Cloud-Plattform AWS für KI-Entwickler wettbewerbsfähiger zu machen.
Die Beteiligten: Akteure im Milliarden-Poker
Auf der Käuferseite steht Amazon, beziehungsweise dessen Cloud-Sparte AWS, die ein vitales Interesse daran hat, die eigene Hardware-Infrastruktur wie die Trainium3-Chips als Standard für KI-Workloads zu etablieren. Auf der Verkäuferseite steht das Start-up Decart, das durch seine Gründer Dean Leitersdorf, Orian Leitersdorf und Moshe Shalev repräsentiert wird. Diese drei Köpfe haben das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit zu einem hochspezialisierten Technologieanbieter geformt. In den vergangenen Monaten waren zudem weitere Schwergewichte der Branche involviert: Nvidia, das bereits frühzeitig Interesse zeigte, sowie Anthropic, das als namhaftes KI-Unternehmen die Due-Diligence-Prüfung durchführte, bevor es sich aus den Verhandlungen zurückzog. Die Rolle der israelischen Cyber-Spezialeinheit 8200 ist hierbei als informeller Hintergrund für die Expertise von Moshe Shalev zu werten, der die technologische Basis für die KI-Infrastruktur maßgeblich mitprägte. Alle genannten Akteure sind in einem intensiven Wettbewerb um die Vorherrschaft bei KI-Infrastrukturen und Software-Optimierungen gefangen, wobei Decart als entscheidender Enabler für die Chip-Unabhängigkeit fungiert.
Einordnung: Strategische Bedeutung für AWS
Den Berichten zufolge ist die Übernahme von Decart als strategischer Schachzug zu bewerten, um das sogenannte Vendor-Lock-in-Problem zu lösen. Viele Unternehmen sind derzeit an die Nvidia-Hardware gebunden, da ihre KI-Modelle spezifisch auf diese GPUs optimiert sind. Ein Wechsel zu anderen Anbietern wie AWS oder spezialisierten KI-Chips ist oft mit hohen technischen Hürden und Performance-Einbußen verbunden. Einzuordnen ist das so: Amazon kauft sich mit Decart nicht nur ein Start-up, sondern eine Lösung für ein zentrales Marktproblem. Sollte Amazon erfolgreich sein, könnte AWS die Barriere für Kunden, die ihre KI-Infrastruktur auf die eigene Hardware umstellen wollen, drastisch senken. Dies würde die Marktmacht von Nvidia schwächen und die eigene Cloud-Plattform als universelle Anlaufstelle für KI-Entwickler stärken. Die hohe Bewertung von sieben Milliarden Dollar spiegelt dabei nicht nur die aktuelle Technologie wider, sondern auch das enorme Potenzial, die Abhängigkeit von externen Hardware-Lieferanten zu reduzieren. Es ist ein Wettlauf um die Kontrolle der KI-Infrastruktur, bei dem Software-Schichten wie DOS eine Schlüsselrolle einnehmen, um Hardware-Architekturen austauschbar zu machen.
Offene Fragen: Lücken im Informationsstand
Obwohl die Berichte über die Verhandlungen zwischen Amazon und Decart sehr konkret sind, bleiben einige wesentliche Fragen unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, in welchem Stadium sich die Verhandlungen exakt befinden, außer dass sie als fortgeschritten bezeichnet werden. Es bleibt unklar, welche spezifischen Bedenken bei der Due-Diligence-Prüfung durch Anthropic im September zur Absage führten, da keine Details zu den "Büchern und Lizenzen" genannt werden. Zudem ist nicht bekannt, ob es neben Amazon noch weitere Bieter gibt, die sich im Rennen um das Start-up befinden. Auch über die genaue Struktur des Deals – ob es sich um einen reinen Aktientausch, eine Barzahlung oder eine Mischform handelt – gibt es keine Informationen. Ebenso bleibt offen, wie die Integration der 50 bis 80 Mitarbeiter in den Amazon-Konzern ablaufen soll und ob die Forschungsstandorte in Israel in der bisherigen Form erhalten bleiben. Die genauen vertraglichen Details, etwa zu Exklusivitätsklauseln oder möglichen Abbruchszenarien, sind ebenfalls nicht öffentlich zugänglich. Es bleibt abzuwarten, ob die beteiligten Parteien in den kommenden Wochen eine offizielle Bestätigung oder weitere Details zur Transaktion veröffentlichen werden.
Wie es weitergeht: Ausstehende Entscheidungen
Die Situation bleibt dynamisch, da eine offizielle Bestätigung der Übernahme durch Amazon oder Decart bisher aussteht. Die Marktbeobachter richten ihren Blick nun auf die kommenden Wochen, in denen eine Entscheidung über den Abschluss der Verhandlungen erwartet wird. Sollte der Deal zustande kommen, wäre dies ein bedeutender Meilenstein für die KI-Strategie von Amazon. Die Branche wartet nun darauf, ob die Due-Diligence-Prüfung durch Amazon, sofern diese bereits läuft, zu einem anderen Ergebnis kommt als die Prüfung durch Anthropic im September. Da das Unternehmen Decart bereits in fortgeschrittenen Gesprächen ist, ist in naher Zukunft mit einer offiziellen Kommunikation zu rechnen. Sollten die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden, wird die Integration der Decart-Technologien in die AWS-Cloud-Infrastruktur der nächste logische Schritt sein, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Cloud-Anbietern und Hardware-Herstellern zu erhöhen. Termine für eine mögliche Vertragsunterzeichnung oder den Vollzug der Übernahme wurden im Quelltext nicht genannt, weshalb der weitere Zeitplan von der Verhandlungsführung der beteiligten Parteien abhängt.