Was geschehen ist: Die kurzfristige Absage beim Bürgerfest
Das alljährliche Bürgerfest „Jazz zum Dritten“, das traditionell rund um den Tag der Deutschen Einheit auf dem Frankfurter Römerberg stattfindet, steht in diesem Jahr im Zentrum einer kontroversen Debatte. Die Veranstaltung, die für ihren freien Eintritt und ihre festliche Atmosphäre bekannt ist, sollte in diesem Jahr einen Auftritt der in London lebenden Musikerin Momoko Gill umfassen. Doch nur zweieinhalb Wochen vor dem geplanten Konzerttermin kam es zu einer überraschenden Wendung: Die zuständige Tourismus- und Congress GmbH (TCF), eine städtische Agentur, die als Veranstalter fungiert, stornierte den Auftritt der Künstlerin einseitig. Die Absage erfolgte am 15. September, wobei der Name der Musikerin bereits am Abend zuvor von der offiziellen Webseite des Festivals entfernt worden war. Diese kurzfristige Entscheidung hat nicht nur bei der Künstlerin selbst für Unverständnis gesorgt, sondern auch eine öffentliche Debatte über die Grenzen der künstlerischen Freiheit und die politische Verantwortung städtischer Veranstalter ausgelöst. Die Musikerin, die sich selbst als aufstrebendes Talent in der Elektronik- und Jazz-Szene positioniert hat, sieht sich durch diesen Schritt in ihrer künstlerischen Integrität beschnitten und spricht offen von Zensur, während die städtischen Akteure sich in ihrer Kommunikation eher zurückhaltend und vage äußern.
Die Einzelheiten: Hintergründe der Stornierung und die Akteure
Die Details des Vorgangs zeichnen ein Bild einer abrupten Trennung zwischen der Stadt Frankfurt und der Künstlerin. Momoko Gill, die in den USA und Japan aufgewachsen ist und Anfang dieses Jahres ihr Debütalbum veröffentlicht hat, wurde über ihre deutsche Booking-Agentur „Emerged Agency“ von der TCF informiert. Als offizielle Begründung wurden der Agentur lediglich „programmatische Gründe“ genannt. Für die Künstlerin, die ihre Sichtweise auf ihrem Instagram-Profil öffentlich machte, ist diese Begründung in der Kürze der Zeit nicht nachvollziehbar. Sie betont, dass eine solche Absage ohne vorherige Diskussion oder die Möglichkeit eines klaren Dialogs zwischen Veranstalter und Künstlerin in der Branche unüblich sei. Der Geschäftsführer der TCF, Thomas Feda, bestätigte auf Anfrage, dass die Entscheidung in seiner Verantwortung als Geschäftsführer getroffen wurde. Er verwies darauf, dass die TCF und die Stadt Frankfurt zwar unterschiedliche politische Perspektiven respektierten, jedoch bei öffentlichen Veranstaltungen eine besondere Sensibilität für Inhalte und Kontexte walten lassen müssten. Die Absage sei, so Feda, ausdrücklich nicht als Angriff auf das Recht der freien Meinungsäußerung zu verstehen, sondern beziehe sich rein auf die musikalisch-unterhaltende Ausrichtung des Rahmenprogramms.
Hintergrund: Der Kontext der politischen Haltung
Der Konflikt entzündet sich maßgeblich an der politischen Haltung von Momoko Gill, die sie auch in ihrer Musik thematisiert. Auf ihrem aktuellen Debütalbum findet sich unter anderem der Song mit dem Titel „When Palestine is free“. Es liegt nahe, dass genau dieses Werk und die damit verbundene pro-palästinensische Haltung der Musikerin den Ausschlag für die Entscheidung der TCF gegeben haben könnten. Die Künstlerin selbst vermutet diesen Zusammenhang explizit und sieht die Absage als eine Form der Zensur. Die Vorgeschichte zeigt jedoch, dass Momoko Gill in Frankfurt keineswegs eine Unbekannte ist. Erst in diesem Sommer trat sie im Rahmen der „Jazz Montez Holidays“ in der Mainmetropole auf, allerdings in einer anderen Konstellation, nämlich als Teil einer Zusammenarbeit mit dem Musiker Matthew Herbert. Diese Auftritte wurden unter anderem vom Musikjournalisten Michael Rütten präsentiert. Dass eine Künstlerin, die wenige Monate zuvor noch erfolgreich in der Stadt präsent war, nun aufgrund ihrer politischen Aussagen von einem städtischen Bürgerfest ausgeladen wird, verdeutlicht die gewachsene Sensibilität und die teils kontroversen Debatten, die politische Äußerungen im kulturellen Raum gegenwärtig auslösen.
Die Beteiligten: Institutionen und Stimmen aus der Szene
In den Vorfall sind verschiedene Akteure involviert, deren Rollen sich in den vorliegenden Berichten deutlich unterscheiden. Auf der einen Seite steht die Tourismus- und Congress GmbH (TCF) unter der Leitung von Thomas Feda, die als ausrichtende städtische Agentur die Entscheidung traf und diese als programmatische Notwendigkeit verteidigt. Das Büro des Frankfurter Oberbürgermeisters Mike Josef (SPD), der als Schirmherr des Festivals fungiert, hält sich weitgehend aus der direkten Auseinandersetzung heraus und verweist bei Nachfragen konsequent zurück an den Veranstalter TCF. Auf der anderen Seite steht Momoko Gill, die als betroffene Künstlerin die Öffentlichkeit über ihre Sicht der Dinge informiert hat. Unterstützt wird die Diskussion durch Stimmen aus der lokalen Musikszene, wie etwa Lorenzo Dolce, den Gründer der Veranstaltungsreihe „Jazz Montez“. Er attestiert Gill eine hohe künstlerische Qualität und bezeichnet sie als „super Schlagzeugerin und Sängerin“. Auch der Musikjournalist Michael Rütten äußert sich differenziert: Er lobt Gills künstlerisches Können, zeigt jedoch zugleich Verständnis für die Sorgen der Veranstalter bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung, kritisiert aber scharf die mangelnde Transparenz und die Kurzfristigkeit des Vorgehens.
Einordnung: Was bedeutet dieser Vorgang für den Kulturbetrieb?
Einzuordnen ist der Vorfall als ein Beispiel für die zunehmende Spannung zwischen künstlerischer Freiheit und der politischen Verantwortung öffentlicher Veranstalter. Den Berichten zufolge scheint die Stadt Frankfurt in eine Situation geraten zu sein, in der sie versucht, politische Kontroversen von einem als „musikalisch-unterhaltend“ definierten Bürgerfest fernzuhalten. Kritiker, wie etwa der Musikjournalist Michael Rütten, werfen den Verantwortlichen vor, sich nicht ausreichend mit den Inhalten der Künstler auseinandergesetzt zu haben, bevor diese gebucht wurden. Die Entscheidung, eine Künstlerin aufgrund ihrer Texte oder politischen Haltung auszuladen, wird von vielen Beobachtern als problematisch empfunden, da sie den Eindruck erweckt, dass kulturelle Teilhabe an Bedingungen geknüpft ist, die über die rein künstlerische Qualität hinausgehen. Die offizielle Linie der TCF, dass es sich nicht um eine Einschränkung der Meinungsfreiheit handele, sondern um eine rein programmatische Entscheidung, wird von der Künstlerin und Teilen der Öffentlichkeit als Schutzbehauptung wahrgenommen, um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Positionen der Musikerin zu vermeiden.
Offene Fragen: Was bleibt ungeklärt?
Trotz der Stellungnahmen der beteiligten Akteure bleiben wesentliche Fragen offen, die der Quelltext nicht beantworten kann. Zunächst stellt sich die Frage, warum die inhaltliche Prüfung der Künstlerin erst so spät im Prozess erfolgte. Es bleibt unklar, ob die TCF bei der ursprünglichen Buchung von Gills politischer Haltung und ihren Texten wusste oder ob diese Erkenntnis erst kurz vor dem Festival durch externe Hinweise oder eine interne Prüfung gewonnen wurde. Zudem wird nicht konkretisiert, welche „möglichen Auswirkungen“ der Veranstalter bei einem Auftritt von Momoko Gill konkret befürchtet hat. Auch die Rolle des Oberbürgermeisters Mike Josef bleibt diffus; es ist nicht ersichtlich, ob er lediglich über die Entscheidung informiert wurde oder ob er im Hintergrund an der Bewertung der Situation beteiligt war. Ebenso bleibt offen, ob die Stadt Frankfurt nun ein neues Auswahlverfahren für Künstler bei städtischen Veranstaltungen etablieren wird, um ähnliche Vorfälle in der Zukunft zu vermeiden, oder ob es sich um eine Einzelfallentscheidung handelte, die keine weitergehenden Konsequenzen für die Auswahlkriterien bei künftigen Bürgerfesten hat.
Wie es weitergeht: Ausstehende Entscheidungen und Termine
Das Bürgerfest „Jazz zum Dritten“ findet wie geplant zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober statt und erstreckt sich über das Wochenende. Ob für den nun freien Slot im Programm kurzfristig ein Ersatz gefunden wurde oder ob das Programm entsprechend gekürzt wird, geht aus den vorliegenden Informationen nicht hervor. Es gibt keine Hinweise auf weitere geplante Schritte seitens der Stadt oder der Künstlerin. Die Debatte um die Absage scheint vorerst in der Öffentlichkeit zu verharren, ohne dass eine unmittelbare Klärung oder ein öffentlicher Dialog zwischen der TCF und Momoko Gill absehbar wäre. Die Künstlerin hat ihre Sicht der Dinge via Instagram dargelegt, eine weitere offizielle Reaktion oder gar eine Entschuldigung der städtischen Agentur steht aus. Für die kommenden Veranstaltungen der Stadt Frankfurt bleibt abzuwarten, wie die Verantwortlichen mit der Kritik an der mangelnden Transparenz bei der Absage umgehen werden. Es sind keine weiteren Termine oder Konferenzen genannt, die sich explizit mit diesem Vorfall befassen würden, sodass die Absage als vollzogene Tatsache für das diesjährige Bürgerfest bestehen bleibt.